Estancia „La Louisa“.

Kein anderes Land läßt sich auf solch kurze, einfache Formel bringen wie die Republik zwischen dem La Plata und den Kordilleren: Argentinien ist sein Vieh und sein Korn.

Allerdings galt diese Formel nicht immer, wie sie auch für die Zukunft kaum Geltung behalten wird. Man denke, vor ein bis zwei Menschenaltern gab es in dem Viehland Argentinien nichts, was der heutigen Viehzucht gleichkam, und noch vor vierzig Jahren führte der heute größte Getreideexporteur der Welt für den eigenen Bedarf Weizen ein, und so wird auch der fortschreitende Übergang der argentinischen Landwirtschaft zum intensiven Landbau das zukünftige Bild ändern, ganz abgesehen von den industriellen Möglichkeiten, die die Ölquellen von Comodore Rivadavia, die Wasserfälle des Iguassu und die noch unerforschten Mineralschätze der Anden bergen mögen.

Vieh und Korn! Seit etwa anderthalb Jahrzehnten fing das Getreide an, in den Ausfuhrziffern in die Vorhand zu kommen. Allein trotzdem ist Argentinien noch auf lange Zeit in erster Linie ein viehzüchtendes und kein ackerbautreibendes Land, da die gesamte Struktur der landwirtschaftlichen Besitzverhältnisse durchaus auf der Viehzucht beruht und den Ackerbau, wenigstens was die großen Estancien anbetrifft, gleichsam nur als einen landwirtschaftlichen Nebenbetrieb erscheinen läßt.

Die großen Estancien umfassen den weitaus besten und bedeutendsten Teil des anbaufähigen Landes. Von dem Willen ihrer Besitzer, der Estancieros, hängt es ab, ob und zu welchen Bedingungen Land zu Kolonisationszwecken verfügbar wird und in welcher Weise sich die argentinische Landwirtschaft entwickelt.

Ihre Grundlage sind eine unbegrenzte und schier unendliche Weidefläche, eine Fläche Land, die Deutschland, England, Frankreich und Italien an Ausdehnung übertrifft, und — die acht Kühe und der eine Stier, die die Spanier im Jahre 1553 hierher brachten. Heute ziehen nicht mehr riesige Herden, von halbwilden Hirten, den Gauchos, getrieben, in wochen- und monatelanger Wanderung auf der Suche nach frischer Weide über die Pampa, die Steppe, das Vieh wird in kleinen Herden in Potreros gehalten und über jedes einzelne Stück genau Buch geführt. Aber dem eingeborenen Volkselement, das von der Viehwirtschaft lebt, Herr und Knecht, haftet noch immer die ritterliche Großzügigkeit des Nomaden an, der ohne schwere körperliche Arbeit von dem natürlichen Überfluß seiner Herde lebt.

Ohne Dung und Pflege erneuert das jungfräuliche Land seine Säfte. Auf ihm wächst und vermischt sich das Vieh, ungehütet Sommer und Winter im Freien. Selbst die Mühe des Melkens und der Butterbereitung ist den meisten der Besitzer zu groß. Sie erübrigt sich auch, da der Gewinn ohnehin überreichlich ist und der Besitzer sich damit begnügen kann, das schlachtreife Vieh, einerlei ob Ochsen oder Kühe, an die Frigorificos, die Schlacht- und Kühlhäuser, zu verkaufen.

Dies ist das Bild der argentinischen Viehwirtschaft von heute. Es wird nicht das von morgen sein; denn schon sind die Anzeichen einer weitgehenden Intensivierung überall zu sehen. Von zwei Seiten geht sie aus: einmal von den Cabañas, jenen Estancien, in denen hochwertige Rassen zu Zuchtzwecken gezogen werden und in denen man das Vieh in modernen Stallanlagen hält, und dann von jenen Estancien, in denen weitsichtigere, energischere oder auch nur ökonomischer denkende Unternehmer (meistens Ausländer) zu Milchwirtschaft, Butter- und Käsebereitung und zu sonstiger landwirtschaftlicher Industrie übergegangen sind.

Aber einstweilen beruht noch die große Mehrzahl der Estancien auf der reinen Zucht von Schlachtvieh. Und auf großen Estancien kann es einem geschehen, daß man weder Butter noch Milch bekommt. —