Die Mittagssonne brennt auf das Land. Vor Hitze flimmert der Horizont, und in eiligem Galopp auf müden Pferden streben Capataze und Peone, die seit frühem Morgen unterwegs sind, der Estancia zu, der Schatteninsel im Sonnenmeer. Der dichte Hain von Eukalyptus und Paraiso wirkt wie ein Schutzdach vor der sengenden Sonne, die die Temperatur bis auf 40 Grad hinauftreibt. In ihm verstreut liegen das Haus des Mayordomo und das Wirtschaftsgebäude. Hier ruhen auch, mit Stricken an den Eukalyptusbäumen angebunden, die wertvollen Zuchtstiere, wahre Musterexemplare potenzierter Männlichkeit, die nur nachts zu den Kühen, die sie decken sollen, gelassen werden. Das Vieh draußen steht müde und apathisch um die Wasserbehälter, in die die klappernden Windräder Tag und Nacht frisches Wasser pumpen, oder es drängt sich, soweit Platz ist, in dichten Haufen im Schatten der wenigen Bäume, die als Alleen die zur Estancia führenden Wege einfassen, oder die an der Stelle einer ehemaligen Kolonistensiedelung blieben, als einziges Zeichen, daß hier einstmals ein Rancho stand.

Einst kannte dieses Land ja nicht einen einzigen Baum. Als die Spanier hierherkamen, gab es nichts als eine einzige unermeßliche Ebene, ein Meer von Steppe.

In all den Jahrhunderten, die seitdem verstrichen, sind keine Wälder gepflanzt worden. Nur um die Wohnhäuser der Estancieros setzte man einige Eukalyptus- und Paraisobäume, und es sind schon sehr moderne, gutgeleitete Estancien, in den systematisch Baumreihen und Buschgruppen als Sonnen- und Windschutz angelegt sind.

Statt Busch und Baum aber hat die fortschreitende Zivilisation der ehemals freien Pampa den Drahtzaun gebracht. Jenes Gesetz — ich weiß nicht mehr, aus welchem Jahre —, das die Einzäunung jedes Besitzes forderte, wurde die Grundlage der heutigen argentinischen Viehwirtschaft. Es machte dem freien Umherschweifen der Herden und ihrer wahllosen Vermischung ein Ende und ermöglichte damit erst eine systematische Aufzucht von Rassevieh.

So segensreich dieses Gesetz auch war, ist es der Anlaß, daß das ganze Land mit Draht durchzogen wurde, und man kann schon von einer Manie des Einzäunens sprechen. So scheiden sich beispielsweise die Provinzen durch Draht voneinander, die Bahngesellschaften sind verpflichtet, ihre Linien durch Draht einzuhegen, und jeder einzelne Besitz ist, wie gesagt, durch Draht geteilt. Millionenwerte stecken in diesen Drahtzäunen; denn das Meter Drahtzaun stellt sich auf einen Peso, und nach Angabe der Zollbehörde sind in dreißig Jahren etwa eineinhalb Millionen Tonnen Stacheldraht eingeführt worden.

Aber die Abgrenzungen durch Draht in sogenannte „Potreros“ ermöglichen erst eine rationelle Weide und Mästung des Viehs und auch eine genaue Kenntnis des Standes der Herden. Eine Anzahl Potreros untersteht dem Capataz, einem Vorarbeiter. Jeden Tag muß er die Umzäunung abreiten, um zu sehen, ob die Drähte fest genug gespannt sind, und er kontrolliert, ob die Windräder laufen und in den Behältern genug Wasser ist, ob die Weiden ausreichen, oder ob man noch ein paar Stück Vieh mehr halten kann, und ob sich kein Unkraut ausbreitet, das frisch gekaufte Herden an ihren Hufen eingeschleppt haben können.

Die Normalweidepflanze ist die Alfalfa. An Stelle des ursprünglichen harten Steppengrases waren mit der Zeit weichere Grasarten getreten. Aber der gewaltige Aufschwung der argentinischen Viehzucht rührt von der Einführung der Alfalfa genannten Kleeart her. Während auf dem rohen Kamp bestenfalls ein Stück Großvieh auf zwei Hektar gerechnet werden kann, zählt man bei Alfalfaweide zwei bis vier Stück Vieh auf einen Hektar. Der ungeheuere Vorteil der Alfalfa liegt darin, daß ihre Wurzeln auf der Suche nach Wasser acht bis zehn Meter tief in den Boden hinabkriechen und dabei wasserundurchlässige Tonschichten durchdringen, so daß dieser Klee auf einem Boden gedeiht, auf dem sonst nichts wächst. Nur wegen der Anpflanzung von Alfalfa verpachtet, wie schon erwähnt, der Estanciero zeitweise Teile seines Kamps an Kolonisten, die nach Ablauf ihres Pachtvertrages den Boden mit Alfalfa bestellt zurückliefern müssen. Im allgemeinen kann man dann für ein Alfalfafeld zehn bis zwanzig Jahre rechnen, bis der Boden neu umbrochen werden muß.

Die Großzügigkeit des Estancieros und nicht minder die Lethargie des Kreolen sind es, die den bisherigen Charakter der argentinischen Landwirtschaft bestimmen. Man hat intensive Arbeit nicht nötig, und bei den geringen Anforderungen, die der Eingeborene sowohl wie der eingewanderte italienische Landarbeiter an Komfort und Lebenshaltung stellen, während der Estanciero den größten Teil des Jahres in der Hauptstadt verbringt, ist das Land, das ein Garten sein könnte, überwiegend noch Weide.

Kaum daß um die Estancia ein Pfirsichhain und ein paar Gemüsebeete angelegt sind. Aber trotzdem drängt die ganze Entwicklung argentinischer Landwirtschaft auf die Einführung intensiver Bewirtschaftung und gibt damit dem europäischen Einwanderer ganz andere Möglichkeiten in die Hand als heute. Waren ehemals die Felle das einzige, was der Estanciero von seiner Herde verwertete — das Fleisch blieb liegen, ein Fraß für Geier und Jaguare —, so ist es heute das Fleisch, und morgen werden es ganz allgemein Milch und Butter sein und eine eingehende Nutzung landwirtschaftlicher Industrie jeder Art.

8. Sigue Vaca!