Estancia „La Louisa“.

Seit Wochen regnet es nicht. Der Boden ist trocken wie Zunder. Auf den Pfosten der Potrerozäune sitzen in regelmäßigen Abständen graugepudert die Habichte. Von den Hufen des Pferdes weht der Staub gleich gewaltiger Rauchfahne nach rückwärts. Aber sie ist wie ein dürftiges Fähnchen gegenüber der riesigen Wolke, die über den Horizont zieht. Breit und massig steigt sie gen Himmel.

Es ist eine Herde frisch gekauften Viehs, die zur Verteilung in die Ensenada getrieben wird. Dort sollen die aus dem Norden kommenden Rinder nach ihrer Qualität in kleine Herden geteilt werden. Ist dies geschehen, so wartet ihrer noch Bad und Impfung. Dies und Kastrieren, Markieren und Schneiden der Hörner ist neben der täglichen Kontrolle des Viehs, der Zäune, Pumpen und Tanks die Arbeit der Capataze und Peone, der Viehhirten der Estancia.

Es ist Arbeit, die ihr Vorgänger, der Gaucho, nicht kannte; er hätte auch für die modernen Hilfsmittel der Ensenada nur ein verächtliches Lächeln gehabt. Er hatte nichts als sein Pferd und seinen Lasso. Wollte in früheren Zeiten ein Estanciero zwecks Zählung oder Verkaufs seine Herde zusammentreiben, so geschah es auf freiem Feld, höchstens daß ein Pfosten den Platz bezeichnete, an den sich das Vieh mit der Zeit gewöhnte, so daß es willig mitzog, wenn die Gauchos es in dieser Richtung trieben. Aber seine Trennung und Absonderung geschah nur durch lebendige Gassen von Pferden und Reitern, die es oft genug durchbrach. Zum Markieren oder Kastrieren aber mußte jedes einzelne Stück mit dem Lasso gefangen und geworfen werden.

Heute ist der Lasso, jedenfalls auf modernen Estancien in den zentralen Provinzen, mehr ein Dekorationsstück, das aus Tradition noch am Sattel hängt. Wenigstens erlebte ich es, als ich vom galoppierenden Pferd aus den Lasso versuchte und natürlich fehlwarf, daß auch der unterweisende Peon bei Pferd wie Kuh und Schaf keinen besseren Erfolg hatte.

Die Ensenada hat den Lasso überflüssig gemacht. Ein weiter Corral, ein festumzäunter Platz, in den das Vieh getrieben wird. Auf die erste Abteilung, den Vorhof gleichsam, folgt eine zweite, die sich trichterförmig verengt und schließlich in einen engen Schlauch ausläuft, in dem zwischen schrägen festen Wänden kaum ein Stück Vieh Platz hat. Durch Fallgatter und Türen kann man bequem, ohne Anstrengung und Gefahr, jedes einzelne Stück in verschiedene Unterabteilungen, die auf den Gang münden, leiten.

Mit dumpfem Brüllen hat sich inzwischen die wandelnde Staubwolke dem Eingangstor der Ensenada genähert. Der voranreitende Peon zieht an einem Strick eine klappernde Lata, eine große leere Blechbüchse, hinter sich her. Willig folgt ihm die Herde. Versuchen einige Ungebärdige rechts oder links auszubrechen, so treiben die begleitenden Peone mit lautem Geschrei und geschwungener Peitsche sie auf den Weg zurück.

Der Corral ist voll. Die Staubwolke steht und steigt gerade gen Himmel. Unruhig schiebt und drängt sich die Herde hin und her. Das dumpfe Brüllen ist allgemein geworden. Aufreizend durchzittert es die Luft, die so dick voll Staub ist, daß man alles nur in ungewissen, verschwommenen Formen sieht. Von den Peonen sind einige abgesessen und haben zu beiden Seiten des Schlauchs Posto gefaßt. Die andern reiten an.

Lust faßt mich, mitzutun. Mit geschwungener Peitsche und lautem Geschrei gibt es ein Preschen auf die Rinder. Unwillig setzt sich ein Teil in Bewegung und drängt in die Trichter. Andere wollen nicht, brechen aus, gehen die Reiter an. Es gibt ein wildes, heißes Reiten. Immer wieder im Galopp um die Herde herum und mit Gewalt in sie hineingeprescht.