Am frühen Morgen fuhren wir im kleinen Dampfboot über den Strom, über den Paraná. Wie eine Vision, phantastisch schwül, blieb die Stadt zurück. Vorbei an ärmlichen Häusern und Hütten, den Vorstädten Santa Fés, menschlichen Wohnstätten, die nur aus vier Pfählen und einem Schilfdach bestanden. Überdies war der Strom jetzt über seine Ufer getreten und hatte die armen, halbnackten Bewohner aus ihren armseligen Behausungen gejagt. Wie seltsame Fahrzeuge schwammen die Schilfdächer auf der gelben, trüben Flut.
Am jenseitigen Ufer baut sich die Stadt Paraná auf steilem Steinhang mit Türmen und Kuppeln auf. Dahinter ziehen sich die welligen Hügel der Provinz Entre Rios in unabsehbaren Reihen zum Horizont, nach der grenzenlos ebenen Eintönigkeit der Pampa ein überraschendes Bild.
Die steigende Sonne bringt die Glut des vergangenen Tages wieder. Wie eine Erlösung begrüßt man am Horizont, im Zollhaus auf den Koffern sitzend, den wie ein stockhohes Haus mit schaumaufwirbelnden Schaufelrädern rasch näherkommenden Mihanovichdampfer.
Kühle Kabinen, geräumige Salons und der fächelnde Lufthauch der raschen Talfahrt. Die Hitze der vergangenen Tage versinkt wie böser Traum.
Aber über dem ganzen Schiff liegt es wie ein Hauch tropischer Fremdheit. Es kommt den Paraná herunter von Asuncion, und Paraguayaner stellen den größten Teil der Passagiere. Gelbe bis dunkelbraune Gestalten mit tiefschwarzem Haar, und Frauen von seltsam fremdartiger Schönheit. Den Farmer mit der Pergamenthaut im saloppen Leinenanzug mit dem offenen Hemd ohne Kragen begleitet das junge Mädchen in schwarzer Seide, augenscheinlich seine Compañera, die in Paraguay in der Regel an Stelle der Gattin das Leben des Mannes teilt.
Alle, die auf diesem Schiff vom Norden herunterkommen, tragen irgendwie das Merkmal der Hitze. Irgendwie hat sie die blendende, glühende Sonne gezeichnet. Das gilt von dem zarten, träumerischen, berückend schönen Mädchen — fast ist es noch ein Kind — mit der pfirsichweichen mattbraunen Haut ebenso wie von jenen unförmig in die Breite gegangenen Frauen mit dem merkwürdig stechenden, heimtückischen Blick, deren ganzes Wesen Nichtstun, Lässigkeit, Schwelgen in erotischen Träumen kennzeichnet, während der Körper Tag für Tag untätig in Hängematten und auf Pfühlen liegt. Und sie zeichnete auch jene deutsche Frau, die mißmutig, gequält, verärgert mit dem geschwollenen, entzündeten Fuß, in den der Sandfloh seine Eier gelegt hatte, nach jahrelangem Aufenthalt im Norden, enttäuscht und verbittert, verblüht zurückkehrt.
Die Nacht im Liegestuhl auf dem kühl umhauchten Deck ist ein unerwartet geschenkter Ruhepunkt zwischen dem qualvoll heißen Santa Fé und Buenos Aires, das um diese Zeit auch nichts anderes ist als ein Glutofen, von dem die Zeitungen Temperaturen bis zu 40 Grad und täglich Todesfälle infolge Hitzschlag melden.
Ich muß an alle die Kolonisationsprojekte denken, die wir auf der Estancia durchgesprochen, von der Besiedlung des Chaco, von Misiones, Formosa und Paraguay. Kenner meinten, die Temperaturen seien dort auch nicht schlimmer, in gewisser Hinsicht sogar erträglicher als in Santa Fé oder Buenos Aires. Mag sein, wenn es auch wenig wahrscheinlich klingt. In jedem Fall ist diese erste große Hitzewelle, die den frisch aus Europa Kommenden nach so kurzem Aufenthalt überfällt, eine Warnung, ein Menetekel, nicht unvorsichtig, nicht ohne sorgfältige Prüfung jene Zonen aufzusuchen, in denen die Sonne als allmächtige, unumschränkte Herrin mit glühender Peitsche herrscht.