Ich äußerte diese Bedenken, aber Irigoyen schüttelte nur den Kopf: „Unsere Haltung in Genf“, sagte er, „wie auch unsere Neutralitätspolitik während des Krieges war lediglich bestimmt durch unsere Interessen als souveräner Staat, durch unsere Auffassung von einer wirklich gerechten, völkerversöhnenden Politik, sowie durch unsere Sympathien gegenüber Deutschland. Was Dritte dazu meinen sollten, ist uns völlig gleichgültig und kann in keiner Weise unsere Entschlüsse oder unsere Politik beeinflussen.“
Im weitern Verlauf des Gespräches entwickelte Irigoyen seine Ideen über einen wirklichen Völkerbund. Und der sonst so ruhige abgeklärte Mann ereiferte sich dabei.
„Que esperanza!“ — rief er aus, „welche Idee, ein Völkerbund, dem nicht alle Staaten angehören! Wie soll ein solcher Staat den Frieden garantieren können?“
Und er sprach im Anschluß daran von seinen Sympathien für Deutschland, für das deutsche Volk, und welche Erwartungen er in die deutsche Zukunft setze.
Von seiten jener ultrareaktionären extrem monarchistischen Auslandsdeutschen wird immer wieder betont, wie sehr Deutschland durch die „Schmach“ seiner Niederlage und der Revolution in der Achtung des Auslandes gesunken. Und da auch Irigoyen von diesen Kreisen gerne als Kronzeuge angeführt wird, ergab es sich von selbst, daß das Gespräch auch diesen Punkt berührte.
„Unsere Sympathie“, meinte der Präsident, „gilt in erster Linie dem tüchtigen und arbeitsamen deutschen Volk. Ohne Rücksicht auf seine Regierungsform. Aber selbstverständlich ist es, daß wir als Republikaner für eine deutsche Republik doppelte Sympathien empfinden. Im Kriege muß schließlich immer einer verlieren, und die Niederlage kann die Bewunderung für das, was Deutschland geleistet, nicht verringern. Statt an Sympathien zu verlieren, hat das deutsche Volk durch die Revolution nur gewonnen, und zwar durch die Tatsache, daß es aus einem derartigen weltgeschichtlichen Zusammenbruch sich aus Anarchie in die Bahnen einer neuen ruhigen Entwicklung hinaufarbeitete.“
„Selbstverständlich ist es,“ fügte Irigoyen hinzu, „daß die Spuren eines derartigen Umwandlungsprozesses noch nicht verwischt sind und daß man noch mit einem Dezennium wird rechnen müssen, ehe die deutsche Republik sich völlig konsolidiert hat. Aber ich habe keinen Zweifel daran, daß Deutschland sich zu einem großen demokratischen Gemeinwesen entwickeln wird, in ähnlicher Weise wie die Vereinigten Staaten.“
Wir sprachen noch lange über den Krieg, die Revolution, die Blockade und den Hunger und das Elend, die in ihrem Gefolge einherzogen. Auch über Versailles und die Wirkungen, die eine Politik heraufbeschwören muß, die ein Volk durch unerfüllbare Forderungen zur Verzweiflung treibt. Das Gesicht Irigoyens war sehr ernst, sehr nachdenklich, als ich von den Konsequenzen sprach, die die Geschehnisse in Europa auch für die südamerikanischen Republiken haben müßten.
Es war spät geworden. Durch die weit offenstehenden Fenster sah man, wie die lehmgelben Wasser des La Plata sich rot zu färben begannen. Es sah aus, als spüle der Ozean von Osten her Blut an den Strand.