15. Die Insel im Rio Negro.
Choele Choel.
In der Vorhalle ihres Bahnhofes in Bahia Blanca hat die Südbahn Produkte des Rio-Negro-Tales ausgestellt, Pfirsiche von Faustgröße, Äpfel und Birnen von noch erheblicheren Maßen, Trauben, Gemüse, Samen und schließlich Kürbisse und Melonen von geradezu ungeheuerlichem Umfang.
Man steigt in den Rio-Negro-Zug, der nur viermal in der Woche fährt, mit dem Gefühl, in ein Dorado der Fruchtbarkeit und Fülle zu kommen. Die Bahn geht erst den Rio Colorado entlang, um nach Überschreiten dieses Flusses eine vollkommen wasserlose Wüste, die früher so gefürchtete Travesia, zu durchkreuzen und dann das Rio-Negro-Tal bis nach Neuquen hinauf zu führen. Die Bahn wurde zur Zeit der letzten Grenzstreitigkeiten mit Chile aus strategischen Gründen gebaut. Ihr Bau wurde den Deutschen zu äußerst günstigen Bedingungen angeboten; denn die argentinische Regierung hätte gerne das englische Monopol im Verkehrswesen gebrochen. Allein in Deutschland war damals nur geringes Interesse für argentinische Unternehmungen, und es genügte, daß die interessierten englischen Bahngesellschaften einige abschreckende Artikel über das Projekt und die ganze Gegend in die Presse brachten, um auch die wenigen deutschen Kapitalisten, die Interesse gezeigt hatten, abzuschrecken. Die Bahn wurde dann natürlich von den Engländern gebaut und sie ist heute dank der Entwicklung des Rio-Negro-Tals ein glänzendes Geschäft.
Von dieser Entwicklung ist allerdings zunächst nichts zu sehen; auch nachdem die Travesia durchkreuzt und der Rio Negro erreicht ist, wechselt das Landschaftsbild nicht. Die Überraschung wächst, als sich auch bei der Station Choele Choel, der ältesten Kolonie des Rio-Negro-Tals, das Bild nicht ändert. Im Norden eine felsige Barranca, im Süden eng gewelltes Hügelland geben zwar dem durch die ewige öde Ebene ermüdeten Auge landschaftliche Abwechslung. Aber das Bild der Dürre und Unfruchtbarkeit ist nicht anders als bisher.
Aber das Pueblo liegt noch eine gute halbe Stunde von der Station entfernt, und in rüttelnder Fahrt mahlen die hohen Räder der leichten Kutsche hügelauf, hügelab durch tiefen Sand. Es liegt am Ufer des Rio Negro, der sich hier in zwei Arme spaltet, die in weitem Bogen die gleichnamige große Insel, die eigentliche Kolonie, umschließen.
Die Insel ist alter historischer Boden. Zur Zeit der Indianerfeldzüge war sie Hauptquartier, und aus dem Militärlager ging die erste Kolonie hervor. Mancherlei Schwierigkeiten, vor allem die furchtbaren Überschwemmungen, unterbrachen und hemmten die Entwicklung. Einen neuen Abschnitt und Aufschwung bedeutete erst das Kolonistengesetz von 1904, das die ganze Insel in einzelne Lose von 100 Hektar teilte. Die Korrektionsarbeiten am oberen Rio Negro, vor allem die Stauanlage der Cuenca Vidal, haben die Überschwemmungsgefahr auf ein Minimum beschränkt.
Am Fuße des Vulkans Ollague.