Ein armseliges Pueblo an der Station. Dann führt eine breite Allee zu den verbotenen Zonen des Kriegshafens. Sein Hauptstück ist das mächtige Hafenbassin, in dem die gesamte argentinische Kriegsflotte, auch wenn sie sich verzehnfacht, noch Platz hätte. Auf der einen Seite liegen ein paar kleine Kreuzer italienischen Ursprungs, auf der andern die internierten deutschen Schiffe und nach der Ausfahrt zu die beiden mächtigen Dreadnoughts „Moreno“ und „Rivadavia“, der Kern und der Stolz der argentinischen Schlachtflotte.

Trotz der hohen Kampfkraft dieser beiden Schiffe, die auf nordamerikanischen Werften gebaut und das typische Gepräge amerikanischer Panzer mit ihren charakteristischen Gittermasten zeigen, ist der Wert der ganzen argentinischen Kriegsflotte einigermaßen problematisch. Das kritische Problem ist die Kohlenfrage. Wie man mir sagte, hat die argentinische Flotte im Kriegsfall für ganze 14 Tage Feuerungsmaterial. Diese Schwierigkeit wäre jedoch leicht zu überwinden, wenn die argentinischen Schiffe Ölfeuerung erhielten. Öl wird ja im Lande selbst, in Comodore Rivadavia und neuerdings in Neuquen, gebohrt. Aber vielleicht liegt Absicht darin, daß die Nordamerikaner Argentinien keine Schiffe mit Ölfeuerung bauten.

An das Hafenbassin stoßen zwei Trockendocks, ein kleineres und ein gewaltiges, das mir als das größte der Welt bezeichnet wurde. Jedenfalls können die großen Dreadnoughts hier gedockt werden, und der Norweger, der augenblicklich darin liegt, verschwindet mit Kamin und Masten vollständig, als wäre er ein Miniaturschiffchen.

Neben dem großen Dock erhebt sich die Casa de Bombas, das Maschinenhaus, das die Anlage zur Entleerung der Docks enthält. In der Mitte des Gebäudes liegen die Pumpen, in einem viereckigen Zementschacht von gewaltigen Dimensionen versenkt. Aus den Ecken langen die mächtigen Rohre gleich Riesenarmen in den Raum hinein zu den mit Mehrfachexpansionsmaschinen gekuppelten Pumpen. Der Gedanke wirkt fast unheimlich, wie auf eine Drehung am Schaltrad hin diese Maschinen das ganze Becken des Trockendocks leer zu saugen vermögen.

Noch ein paar Werkstätten und Kasernen; dann sind alle Sehenswürdigkeiten von Puerto Militar erschöpft. Man kann sie bequem in ein- bis zweistündigem Rundgang erledigen. Und fünf Jahre hier! Fünf Jahre nutzlosen, untätigen Wartens!

Der Kapitän fängt meinen Blick auf: „Nein,“ sagt er kopfschüttelnd, „wir haben es hier im Grunde recht gut gehabt. Wir können nicht klagen. Vielleicht war es ein Fehler der Kompanie, daß sie die Mannschaft an Bord behalten wollte. Durch das enge Zusammenleben und die Untätigkeit ist es natürlich zeitweise zu Reibereien und Disziplinlosigkeit gekommen. Damals hätten alle Leute leicht lohnende Arbeit beim Hafenbau gefunden. So sind die meisten der Arbeit entwöhnt. Erst später wurde Landurlaub gewährt und die Erlaubnis, Arbeit anzunehmen. Heute muß ich meine Leute zusammenhalten, um genügend Besatzung für die Rückreise zu haben.“

Nur an Stewards, Aufwäschern und dergleichen sei kein Mangel. Eine Fülle von Rückwanderern meldet sich zu diesen Posten, darunter Leute, die erst vor wenigen Monaten oder Wochen aus Deutschland hierher gekommen sind, Enttäuschte, die in Argentinien das Land, wo Milch und Honig fließt, zu finden hofften und die nun nach den ersten Schwierigkeiten die Flinte ins Korn werfen. Manche von ihnen, die im Frühling oder Sommer vergangenen Jahres herüberkamen, haben allerdings kein schlechtes Geschäft gemacht, trotz der verlorenen Hin- und Herreise. Ich denke dabei an jenen Paraguaysiedler, der im Frühling vorigen Jahres herüberkam und jetzt zurückkehrt. Damals hatte er sein ganzes Geld in Pesos umgewechselt, da er sich in Paraguay ansiedeln wollte. Aber es war ihm zu heiß und die Arbeit zu schwer. Wenn er jetzt zu Hause sein letztes Geld wieder in Mark einwechselt, hat er dank des Valutasturzes, wenigstens in Papier, mehr als er bei der Ausreise mitnahm. Ein gutes Geschäft! Und er hat nichts gearbeitet und keinen Cent verdient.

Wir sehen über die Hafeneinfahrt hinaus, wo die auf und ab tanzenden Bojen die Fahrrinne anzeigen. Immer kleiner werden sie und verschwinden, aber in ihrer Verlängerung sieht man fern am Horizont, scheinbar mitten aus dem Wasser ragend, einen Bau, der wie ein Haufen zusammengewachsener Leuchttürme wirkt. Es sind die Silos einer französischen Gesellschaft, die an der offenen See, noch weit über den Kriegshafen hinaus, große Hafenanlagen und Getreidespeicher baut.

Zukunftsmusik. Allein wer vermag zu sagen, wie die Produktion eines Landes wachsen mag, in dem Königreiche noch brachliegen.