14. Deutsche Seeleute in Südamerika.
Bahia Blanca, Puerto Militar.
Die Kapitänskajüte der „Seydlitz“ ist die alte geblieben in all ihrer Traulichkeit und Behaglichkeit mit den vielen Familienbildern an den Wänden und auf dem Schreibtisch, und doch ist etwas anders. Ein unheimlich Fremdes strömt von Decke und Wänden, wittert durch Tür und Bullauge herein — das Schiff ist tot. Seit mehr als fünf Jahren liegt es unbeweglich, interniert, an der Kaimauer des argentinischen Kriegshafens, und wie im Herzen von Führer und Mannschaft im Laufe der langen Jahre etwas zerriß, so wirken die unerklärlichen Sprünge in allem Porzellan und Steingut auf dem Schiff, welche alle Toiletten, alle Badewannen und alle Waschbecken in Stücke splitterten, wie ein unheimliches äußeres Zeichen dieses Sterbeprozesses eines Schiffes, das einst ein lebendiges Glied der deutschen Flotte war.
In langer Reihe liegen die Schiffe hintereinander am Kai untätig. Die Welt leidet unter dem Mangel an Schiffsraum. Die Überfülle des Getreides staut sich in den Silos und Elevatoren von Puerto Galvan und Ingeniero White. Aber trotzdem, und trotzdem längst schon Frieden, können die Schiffe die Fahrt mit lebenswichtiger Fracht nach Deutschland, mit Getreide, Fett und Fleisch, die ihnen England bewilligte, noch immer nicht antreten.
Die Sonne flimmert auf dem glatten Wasserspiegel des Hafens, der hinter den riesigen Kaimauern stilliegt wie ein Teich, während auf der andern Seite die beginnende Flut das lehmgelbe Wasser der Bucht von Bahia Blanca hochgischtet.
Der Kapitän erzählt, wie sie vor fünf Jahren einliefen. Die meisten Schiffe gehörten zu dem Geschwader des Grafen Spee, der sich ein deutsches Schiff nach dem andern aus dem Stillen Ozean heranholte und in Hilfs-, Kohlen- und Transportschiffe verwandelte. Die „Seydlitz“ war Hospitalschiff und machte als solches die Schlachten von Coronel und Falkland mit.
Coronel, das ist es, von dem all die deutschen Seeleute in Südamerika noch leben. Die Augen des Kapitäns leuchten, wenn er erzählt, wie die Engländer sanken. In zwanzig Minuten war alles vorüber. Dann kam Falkland. Alle waren dagegen, daß man das englische Geschwader angriff, vom Grafen Spee angefangen. Aber der Chef des Stabes setzte seinen Willen durch. Trotzdem wäre vielleicht alles gut gegangen. Allein man hatte sich in der Magalhãesstraße mit einem englischen Segler, der Kohlen geladen hatte, zu lange aufgehalten, und inzwischen waren die beiden Dreadnoughtkreuzer, die die Engländer über den Ozean geschickt, zu dem britischen Geschwader gestoßen. Einen Tag, bevor die Deutschen angriffen, waren sie eingetroffen. Einen Tag zu spät!
Die Internierung war nicht hart, und sie sparte andrerseits den deutschen Schiffahrtsgesellschaften die Zahlung der andernfalls gewaltig hohen Liege- und Hafengelder. Trotzdem — fünf Jahre auf diesem trostlosen Fleck Erde!
Puerto Militar liegt am äußersten Ende der Bucht von Bahia Blanca, fast am offenen Meer. Der argentinische Kriegshafen teilt mit Wilhelmshaven Öde von Wasser und Land, mit Libau die Weitläufigkeit der Anlage, die in größtem Maße auf Erweiterung und Neubauten zugeschnitten ist.