Die Geschichte dieses Deutschen, der einer der ältesten Pioniere des Südens und ein eifriger Anhänger des Rio Negro ist, ist typisch argentinisch. Als junger Kaufmann kam er herüber, fand eine bescheidene Anstellung, und erwarb sich in den Freistunden durch Briefmarkenhandel ein kleines Kapital. Mit diesem führte er die ersten Ansichtskarten nach Argentinien ein. Hiermit machte er ein Vermögen, das er in einem großen Briefmarkengeschäft anlegte, das glänzend ging und es ihm ermöglichte, weite Ländereien aufzukaufen. Er wurde nun Landwirt, erlitt jedoch mancherlei Rückschläge, bis ihm eine große Überschwemmung des Rio Colorado, an dem seine Hauptbesitzung lag, Haus und Vieh, Einrichtung und Gerät wegriß. Er siedelte nach dem Rio Negro über und schuf dort in wenigen Jahren auf billig erstandenem rohem Kamp eine blühende, reichen Ertrag abwerfende Estancia.

Der Besitzer zeigte mir Bilder aus den Anfangsjahren, und es erscheint fast unglaubhaft, daß diese dürftigen Stämmchen und bescheidenen Pflanzungen in der kurzen Zeit derart herangewachsen sind. Was den Besuch so interessant macht, ist die Tatsache, daß hier alle Stadien der Bewirtschaftung eng nebeneinanderliegen. Ein großer Teil ist noch roher Kamp. Die erste Arbeit ist das Roden. Mit Axt und Schaufel wird der Busch beseitigt und dann angezündet. Zum erstenmal geht dann der Pflug über die schwarzgebrannte Erde. Der gelockerte Boden wird mittels der automatischen Schaufel verteilt, um ihn zu planieren. An anderer Stelle sieht man diese von Pferden gezogenen, einfachen, aber hier unentbehrlichen Maschinen an der Arbeit. Es ist eine Kippschaufel, die die gelockerte Erde von den Erhöhungen abnimmt, um damit die Senkungen auszufüllen.

In den so bereiteten Boden wird im ersten Jahr Mais gesät, im zweiten Gerste oder Hafer, im dritten bereits Alfalfa, entweder allein oder mit Getreide, und damit ist die Goldquelle erschlossen. Das Alfalfafeld bleibt entweder ertragreiche Weide oder wird ohne Neusaat Jahr für Jahr auf Samen und Futter geerntet.

Die Wirtschaft beruht auf Vieh und Alfalfa. Aber daneben bieten Obst, Wein und Gemüse große Aussichten. Unmittelbar am Fluß wachsen selbst empfindliche Pflanzen ohne künstliche Bewässerung, und hier sind gewaltige Obst- und Gemüsegärten angelegt, die jedes Jahr vergrößert werden, Pfirsiche, Äpfel, Birnen, Pflaumen. Trotz der weiten Entfernung von der Bahn ist der Obstbau lohnend; denn es kommt ja nicht nur der Versand nach Bahia Blanca und Buenos Aires in Frage, sondern ebenso die Versorgung Patagoniens mit Obst und Wein. Die Estancia liegt unmittelbar an der Poststraße nach Valcheta, und ein spekulativer Unternehmer läßt hier jede Woche ein Fruchtauto laufen.

Am nächsten Tag traf ich den Mann auf einer benachbarten Obstplantage, als er gerade seinen Wagen voll Pfirsiche lud. Wie er mir erzählte, verkauft er die Fruchtlast, die ihn 80 Peso kostete, für 400 Peso.

Einzelne Gewinne, von denen man hört, sind phantastisch. So wurde eine Chacra von 200 Hektar zwei Monate vor der Ernte von ihrem Besitzer, einem in Europa lebenden Spanier, um 75000 Peso verkauft. Aus dem Alfalfasamen allein schlägt der Käufer im ersten Jahre bereits zum mindesten die Hälfte des Kaufpreises heraus. Allerdings ist dieses Jahr die Alfalfaernte besonders gut und sind die Preise besonders hoch. So plötzlich der Erfolg, so plötzlich kann der Rückschlag kommen.

Wenn wir abends unter den schattigen Bäumen vor dem reichgedeckten Tisch sitzen, auf dem alles, Fleisch und Brot, Butter und Obst eigenes Erzeugnis ist, da mag das Los des Siedlers und Pioniers beneidenswert erscheinen. Der eilige Besucher wird ja nichts gewahr von der unendlichen Mühe und Arbeit, um all das zu schaffen, was hier blüht und gedeiht, und eine einwandfreie Beurteilung der Aussichten wäre nur dann möglich, wenn man genau die Zahl jener wüßte, die alles einsetzten und elend zugrunde gingen.

16. Zwischenspiel.