Choele Choel.
Stundenlange Autofahrt kreuz und quer über die Insel vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag, bald in Staubwolken gehüllt, bald in Schlamm steckenbleibend, eine reiche Fülle von Eindrücken, wüste Dürre, verschlammte Kanäle, überschwemmtes Land, roher buschbestandener Kamp und wieder samenschwere Alfalfafelder und Obstbäume, zusammenbrechend unter der Last der Früchte.
Kleine Pueblos über die Insel verstreut als Kultur- und Wirtschaftszentren, Zukunftsanlagen, Almacen und Fonda und einige Schuppen. Aber auch hier betont eine ein Denkmal darstellende Pyramide aus ungebrannten Ziegeln den Stadtcharakter.
In der Fonda Chacreros und Händler und lange, schmutzige, weinbefleckte Tische. An der Wand klebt ein Plakat, daß am Abend ein Varietésängerpaar große Festvorstellung geben wird. Gegenüber der Tür die Schenke, an der andern freien Wand ein großer Spiegel mit Frisiertoilette, Rasiermesser, Kämme, Bürsten; denn die Wirtschaft ist gleichzeitig Frisiersalon.
Der Wein, den der Wirt verschenkt, ist Inselprodukt. Die Salesianerpatres haben neben ihrer Arbeit im Weinberg des Herrn auch einen irdischen Weinberg aufgetan. Kirche und Schule liegt in ihrer Hand, und nebenbei haben sie die beste Bodega, wie man hier einen Winzerbetrieb nennt.
Dem Salesianerkloster ist auch äußerlich nichts anzumerken. Ein einstöckiger, schmutziger Ziegelrohbau. Aber durch Zimmer und winklige Korridore kommt man mit einem Male in einen hochgewölbten Kreuzgang, ein erstaunlicher Anblick in einem Lande, das nur Wellblech- oder Lehmbauten kennt. Die Erklärung ist einfach. Einer der beiden Patres war früher Architekt. Welch seltsames Schicksal mag ihn zum Salesianermönch gemacht haben! Nun mauert er Jahr für Jahr Gewölbe an Gewölbe, Kreuzgang, Schlafsaal, Kelterei und Weinkeller. Daneben wird Jahr für Jahr ein weiteres Stück roher Kamp gerodet und als Weinberg bestellt. Daneben der Schulunterricht und die geistliche Tätigkeit.
Wir müssen alles ansehen, Weinberg und Kelter, die zementenen Gärbottiche und das hohe Steingewölbe mit den großen Lagerfässern, in ihrer Art einzig im Rio-Negro-Tal. Und schließlich geht’s die enge Treppe hinunter in den Keller unter dem Kreuzgang.
Während wir eine Sorte nach der andern probieren müssen, erzählt der andere Pater ununterbrochen. Über der speckigen, mehr grünlichen als schwarzen Sutane sitzt ein kugelrunder Kopf, in seiner blühenden Farbe wie aus Rosenquarz gedrechselt, und alles darunter ist rundlich.
Ein ferner Klang wie von Geigenspiel streicht durch das Kellergewölbe. Wir stehen lauschend. „Unser Rennreiter“, meint Pater Rosenquarz.