Ein beinahe unheimlicher Eindruck erfaßt einen, wenn man zum erstenmal mitten in die Zone intensiver künstlicher Bewässerung kommt. Ein Schauer streift einen, als sei hier in fast frevelhafter Weise das Gesetz der Natur überwunden, indem der Mensch das Wetter meistert oder vielmehr seinen Einfluß ausschaltet und sich in der Bestellung des Bodens von Regen und Sonnenschein unabhängig macht. Der schlimmste Feind der argentinischen Landwirtschaft, die Trockenheit, sie, die in regelmäßigen Abständen Tausende von Existenzen zugrunde gehen ließ, die Früchte jahrelanger Arbeit in kürzester Frist zerstörte, die das Korn versengte und das Vieh in Massen mordete: hier ist sie überwunden. Die Landwirtschaft ist industrialisiert, ist ein maschinenmäßiger Betrieb geworden, dessen Gedeihen abhängt von dem richtigen Gang des technischen Apparates, der aber unabhängig ist von den Launen der Witterung. Ein später Frost kann wohl die Baumblüte zerstören und die Obsternte gefährden, aber dies ist auch fast das einzige, was dem Landmann das Wetter noch antun kann. Im übrigen ist der jährliche Ertrag etwas, was man mit Hilfe der Bewässerung selbst regelt. Der Landwirt braucht nicht ängstlich zum Himmel schauen, sei es, ob endlich der ersehnte Regen fällt oder ob der Himmel seine Schleußen schließt, um von der verregneten Ernte noch etwas zu retten. Es regnet nur im Winter, wenn es gleichgültig ist, und der Farmer selbst gibt seinen Pflanzen das an Wasser, was sie brauchen.

Die steil abfallenden Steinwände des patagonischen Hochlandes, deren Fels rot zu glühen scheint von der darauf brennenden Sonne, begrenzen das weite Tal, das eine Kuppel von intensivster unabänderlicher Bläue überspannt. Wo das Wasser noch nicht hinkam, trostlose Dürre, kaum daß der Boden ein paar dornige Büsche trägt, und unmittelbar daneben, soweit die Feuchtigkeit reicht, blühendes Grün.

Pappeln säumen alle Wege, Pappeln, immer nur Pappeln. Ist in andern Gegenden der Republik Meilen auf Meilen und Stunden auf Stunden ermüdender Bahnfahrt Drahtzaun, Windrad und Wassertank das ewig wiederkehrende Motiv, so ist es hier der hohe schlanke Baum. Regelmäßig und quadratisch wie alles hier im Lande, ist das ganze Bewässerungsgebiet in Lose von gleicher Größe geteilt. Kann auch ein Besitzer mehrere Lose in einer Hand vereinen, so muß doch ein jedes Los von der Größe von 100 Hektar von öffentlichen Wegen umschlossen sein. Jeder dieser Wege, von denen der größte, die Hauptverkehrsader durch die Kolonie, eine Breite von 50 Meter hat, ist mit enggepflanzten Pappeln eingefaßt. Und jeder Weg auf den Chacras, ja jedes Feld ist wieder mit diesen Bäumen umstanden. Sie säumen jeden Corral und jeden Wassergraben. Ihr Zweck ist ein vielfacher. Sie sollen die Gewalt der vom Hochland herunterbrausenden Staubstürme brechen und die jungen Pflanzungen schützen, und sie sollen die Böschungen der Kanäle festigen. Aber daneben reizt auch das rein Praktische zu ihrer Anpflanzung. Sie geben Holz, ein wertvoller Artikel in diesem holzarmen Lande. Und als letzten, wenn auch vielleicht nicht einmal beabsichtigten Vorteil spenden sie Schatten. Stundenlang im Schatten reiten zu können ist ein Genuß, den man sonst in Argentinien nicht leicht findet.

Am stärksten ist der Kontrast zwischen dem leichten frischen Grün des Bewässerungslandes und der gelben heißen Dürre des übrigen Bodens unmittelbar an der Mündung des großen, im Bau befindlichen Regierungskanales bei Almirante Cordero. Einige Kilometer flußaufwärts von der Vereinigung des Neuquen und des Limay, die zusammen den Rio Negro bilden, ist mittels eines gewaltigen Staudammes das gesamte Flußbett abgesperrt. Von hier zweigt der große Regierungskanal ab, der bis Zorilla oder Chinchinales führen und das gesamte Rio-Negro-Tal auf eine Länge von 120 bis 150 Kilometer bewässern soll. Dieser Staudamm soll zugleich das Tal vor den gefährlichen Überschwemmungen schützen, die es bisher von Zeit zu Zeit verheerten und deren letzte im Jahre 1899 das Städtchen General Roca zerstörte. Vollständig wird der Schutz vor den Überschwemmungen allerdings erst dann sein, wenn auch der Limay reguliert ist. Die größte Gefahr ist jedoch wohl heute schon gebannt.

Ein besonders günstiger Umstand ist das Vorhandensein eines ungeheuren leeren Felsenkessels unweit des Staudammes, die Cuenca Vidal. Ihre Steilwände haben ein Fassungsvermögen von über 5 Milliarden Kubikmeter, so daß selbst die größten Wassermengen zu Zeiten ungewöhnlich großer Schneeschmelze unschädlich dorthin abgeleitet werden können.

Almirante Cordero ist heute nichts als eine Barackenstadt für die am Bau beschäftigten Ingenieure und Arbeiter. Der Anblick ist aber wesentlich anders als der sonst übliche. Man hat gleich zu Beginn der Arbeiten Bewässerungskanäle gezogen und Bäume gepflanzt, und heute liegen die Wellblechbaracken im Schatten eines dichten Haines hochstämmiger Pappeln.

Es ist die Zeit des niedersten Wasserstandes, und doch ist es eine gewaltige Wasserflut, die durch die Schleusen in den unmittelbar vor dem Staudamm abbiegenden Hauptkanal strömt, genug, um Zehntausende von Hektaren zu bewässern. Wenige hundert Meter flußaufwärts zweigt ein breites steiniges Bett ab, das einen natürlichen Ablauf zur Cuenca Vidal bildet. Man ist augenblicklich noch dabei, das Bett zu vertiefen. Zwischen dieser Linie und dem Kanal ist ein Streifen Kulturland von Pappelreihen eingefaßt, und es breiten sich frischer grüner Rasen und blühende Gärten. Inmitten der sonstigen Steinwüste wirkt dies alles fast phantastisch, um so mehr als der Übergang zwischen Fruchtbarkeit und Dürre nicht allmählich erfolgt, sondern plötzlich, wie mit der Meßschnur gezogen.

Der Rio Negro fließt dicht am Südrande des Tals entlang, teilweise fast am Fuße der Steilwände des patagonischen Hochlandes. Im Gegensatz dazu wird der Kanal am Nordrand des Tales entlang geführt. Mittels eines Systems von Nebenkanälen, die das Tal durchqueren, soll das ganze Gebiet mit Wasser versorgt werden. Bisher sind aber nur die ersten Zonen mit den Kolonien Picasso und Luzinda unter Kultur genommen. Trotzdem an dem Kanal seit vielen Jahren gebaut wird und mehr als 12 Millionen Peso dafür ausgegeben sind, schiebt sich die endliche Fertigstellung von Jahr zu Jahr hinaus, so daß die Bewässerung der größten Kolonie, General Roca, noch immer durch den alten Genossenschaftskanal erfolgt, während die weiter flußabwärts liegenden Gebiete einstweilen vergeblich auf Wasser warten.

Die Bewässerung erfolgt in der Weise, daß von Nebenkanälen, den „Secundarios“, durch immer weitere Verzweigungen das Wasser bis zu jeder einzelnen Chacra geleitet wird. Hier hat der Besitzer durch ein System von Gräben, den „Acequias“, selbst für die Verteilung des Wassers zu sorgen. Vorbedingung für die Bewässerung ist die vollkommene Planierung des Geländes. Darauf wird jeder einzelne von Acequias umrahmte Abschnitt oder Potrero durch niedrige Dämme in Streifen von 20 Meter Breite eingeteilt. Diese Streifen können nacheinander je nach Bedarf unter Wasser gesetzt werden, indem man die Acequias staut und den Damm an der gewünschten Stelle durchsticht.

Die Schwierigkeit liegt darin, dem Boden die richtige Wassermenge zuzuführen. Vielfach hat sich durch ein Zuviel der Grundwasserspiegel in bedenklicher Weise gehoben. Aus solcher Überwässerung mag auch der allzu große Wassergehalt herrühren und der dadurch bewirkte fade Geschmack, den man da und dort dem Obst vom Rio Negro vorwirft. An einzelnen Stellen sind die Folgen noch schwerer, und eine unachtsame, allzu reichliche Bewässerung hat zu einer vollkommenen Verschlammung des Bodens geführt, die stellenweise so weit geht, daß man beim Passieren zu versinken droht.