Unsere Pferde saufen im Fluß. Man muß schon ein guter Schwimmer sein, um über den breiten reißenden Strom das andere Ufer zu gewinnen. Fast andächtig sehe ich auf die raschfließende Flut. Wie nutzlos vergeudetes Lebensblut verströmt sie. Nur ein winziger Bruchteil dieses lebenweckenden Elementes ist ja abgefangen. Statt Hunderte von Hektaren ließen sich Tausende und Zehntausende bewässern. Wir stehen hier am Anfang vielfältigen Werdens.
Vor den Hufen unserer Pferde schwirren immer wieder die Martinetes auf. Diese schmackhaften, hier nur allzu zahlreichen Vögel sind der einzige Feind der Kulturen, die weder Dürre noch Heuschrecken, noch Phylloxera noch irgendeine andere Reben- oder Baumkrankheit kennen. Aber wie der Weg höher hinaufführt, sandiger und steiniger wird, hören auch sie auf, und nur ab und zu huscht eine feiste Feldmaus vorüber oder ein putziges Gürteltier, das eiligst hinter einem Busch Deckung sucht.
Der Weg führt hoch oben am Rand der Felsmauern entlang, und man sieht weithin über das Land. Nur spärlich sind die grünen Flächen bebauten Landes oder die Baumgruppen, die menschliche Wohnung künden. Fast zufällig sind sie entstanden, indem da oder dort ein unternehmender Estanciero oder ein etwas weiterblickender Indio einen Kanal vom Fluß abzweigte.
Rasch wechseln beim eiligen Reiten Gedanken und Phantasien. Wenn hier planmäßig gearbeitet würde, wenn das Wasser der Flüsse nicht nur zu rationeller, groß angelegter Bewässerung genützt, sondern der regulierte Neuquen gleichzeitig als Transportstraße für den Absatz der Produkte dieses Landstriches verwendet werden könnte und sein Gefälle für den Antrieb elektrischer Maschinen, die ein weites Gebiet mit Licht und Kraft versorgten — da, das bäumende Pferd wirft mich fast aus dem Sattel. Grellgelb und schwarz züngelt dicht vor ihm eine Giftschlange auf. Die Pistole fliegt aus dem Futteral. Aber schon ist das Biest in einem Erdloch verschwunden. Die Gedanken sind plötzlich abgerissen. Noch ist hier ja Wüste, Einsamkeit, Weltabgeschiedenheit. Wer hier als Ansiedler anfängt, läßt weit hinter sich alles, was Kultur und Zivilisation heißt. In weiter Ferne liegt die Verwirklichung der Möglichkeiten, die dieses Land birgt, es sei denn, daß zu den beiden, die Wüste in Garten wandeln sollen, zu Wasser und menschlicher Arbeit, ein drittes kommt — das Kapital.
20. Deutsche Siedler in argentinischer Wildnis.
Am Cayunco.
Die Nebenflüsse des Neuquen vervielfachen die Möglichkeiten dieses Flusses der Gobernacion gleichen Namens. Wenn auch für Schiffahrtszwecke infolge des niedrigen Wasserstandes im Sommer nicht geeignet, so sind die Verhältnisse für künstliche Bewässerung hier stellenweise noch günstiger als am Hauptfluß.
Ich reite den Cayunco stromauf. Einige Leguas hinter der Mündung schließt sich das Tal zu enger Felsschlucht zusammen. Tief unten springt der Fluß über Felsblöcke. Aber noch hier oben am Wege ist der Stein seltsam ausgehöhlt, rundgewaschen und glattpoliert, zum Zeichen, daß manchen Winter übergroße Wassermassen die ganze Schlucht füllten.
Hinter der Enge öffnet sich ein weites Tal. Auf dem nördlichen Ufer rücken die Berge bis an den fernen Horizont zurück, während sie sich auf dem südlichen in sanftgewellte Hügel lösen.