Endlos dehnt sich der Weg. Die scheinbar so nahen Felsmauern rücken immer wieder ein Stück in die Ferne. Es zeigt sich, daß oberhalb der leicht und einfach bewässerbaren Flußufer sich weithin eine zweite Stufe dehnt, teilweise Ebene, teilweise leicht gewelltes Land, die nicht minder Frucht und Alfalfa tragen könnten wie das Land am Fluß, wenn, ja wenn es gelänge, hierhin Wasser zu bringen. Allein mit den einfachen Mitteln des bisherigen Kanalsystems ist nicht daran zu denken. Dazu gehörten schon Stauwerke, großzügige Anlagen, Ingenieurarbeit.
Zwischen Zampabüschen, die noch bei größter Dürre und absolutem Wassermangel gedeihen, führt die Hufspur. Der Boden ist reich an Salpetersalzen. Stellenweise ist er weiß von ausgeschiedenen Kristallen, und einzelne Pflanzen sind von unten her ganz damit bedeckt. Die Kristalle kriechen an Wurzeln und Stengeln in die Höhe, so daß es aussieht, als verwandelten sie sich langsam in steinerne Blumen des Todes.
Eine Reihe trockener Flußbetten kreuzt den Weg. Dann schlängelt er sich längs der Felsen hin, bis eine Schlucht sich auftut und steil und steinig der Weg sich aufwärts windet.
Mühsam keucht das Pferd. Auf Meilen sind wir beide die einzigen Lebewesen. Sind wir’s wirklich? Dort, von dem Felsvorsprung, hebt sich eine seltsame Silhouette vom Himmel ab, ein seltsam geformter Stein, ein bizarrer Strauch, oder ist es wirklich ein Guanaco? Beim Näherkommen zeichnet sich deutlich das braune zottelige Fell ab, der unwahrscheinlich lange Hals, der lächerlich kleine Kopf des Tieres, das wie eine tolle Laune des Schöpfers wirkt. In seiner unbeweglichen Haltung sieht das Tier nicht anders aus wie einer dieser grotesken Auswüchse der Felsen, die bald Drachen, bald menschliche Köpfe oder tierische Leiber scheinen. Fast könnte man noch zweifeln, ob es wirklich ein lebendes Wesen ist. Da bekommt es Wind von dem nahen Menschen und zieht in eiliger Flucht ab.
Wie Blut und Feuer brennt in der Sonne der rote Fels. Die Augen schmerzen, bis der Rand der Hochfläche erreicht ist und das jetzt wieder alles überwuchernde matte Grün der Büsche wohltuende Ruhe gibt.
Aber zwischen den Büschen verschwindet der letzte Rest der Hufspur. In den leichten Senkungen des Hochplateaus versinkt der letzte Richtpunkt am Horizont. Nach rechts, nach links, nach vorn, nach hinten eine einzige, gleichförmig eintönige Fläche. Nur Sonne und Kompaß bleiben als letzte untrügliche Wegweiser.
In mühsamem Galopp geht es durch das dornige Strauchwerk. In die grenzenlose Verlassenheit zittert ein Sehnen nach etwas Großem, Befreiendem, nach einem Ende dieser verzweiflungsvollen Öde. Aber hinter jede eben überwundene sanfte Hügelkette schiebt sich eine neue. Mit einem Male, als die Stimme, die zur Umkehr mahnt, schon laut und vernehmlich geworden war, scheint es, als höben sich Vorhänge, und von der letzten Kimme aus öffnet sich berauschend weit der Blick ins Agriotal hinunter.
Einem Amphitheater gleich öffnet sich die weite Schlucht. Immer weiter treten Felskulissen zurück, braun und grau und rot, bis über Hänge und Stufen hinunter tief unten im Grund wie fließendes grünes Licht das gewundene Band des Agrio aufleuchtet. Nach West und Nordwest aber baut sich in horizontweiter Ferne unter der leuchtenden Last des ewigen Schnees der Fels der Kordillere in intensiv blauen und weißen Farben auf.
Unbestimmte Sehnsucht ist es, die durch brennend heißen Sand und Dornbusch bis zu jenen unerreichbar fernen Bergen treibt. Zwischen Busch und Stein formt sich wieder Hufspur, die durch Schluchten hindurch langsam wieder abwärts führt zu jener Stufe oberhalb des Cayuncotals.
Eben oder nur in sanfter Wellung zieht sich die Terrasse Leguas weit. Herrenloses Land, unnützes Land, trocken und dürr. Wer hier Wasser hinbrächte, wer hier Weide und Acker erschlösse, nahrungspendend für Tausende!