Der Weg scheint zu Ende. Die Hänge, die voll von Papageienlöchern sind, lösen Felsen ab, die dicht an den Fluß heranrücken. Zwischen Wasser und Stein bleibt kaum so viel Platz, daß das Pferd vorsichtig tastend seine Hufe setzen kann.
Auf einer Sandbank am Fluß endet der Weg. Kristallklar strömt die Flut. Durstig trinken Mensch und Tier. Hinter dem über den Wasserspiegel Gebeugten knirscht der Kies. Ein Mensch ist aus den Felsen herausgetreten, sonngebräunt, verwildert, mit langem Bart und Haar. Einen mächtigen Kasten und ein Stativ hält er in den Händen. Weiß Gott, ein Nivellierapparat! — Es ist ein Vermessungsingenieur. Seit Wochen haust er hier in menschenfernster Einsamkeit, häuft meterhohe Steinpyramiden zu trigonometrischen Punkten und mißt das Land, das selbst auf den neuesten Regierungskarten nur eine weiße Fläche ist.
Er führt mich zu dem Indianerpuesto, wo er ißt und schläft. Hier kredenzt die braunhäutige Señorita den Mate, den in Argentinien üblichen Paraguaytee. Neben dem alten Indianer, der nicht lesen noch schreiben kann, der nichts kennt als seine Pferde und Schafe, sitzt als Gast und Hausgenosse der akademisch gebildete deutsche Ingenieur und ehemals königlich preußische Staatsbeamte, benutzt zum Trinken dieselbe Bombilla, das Röhrchen mit einem Sieb am untern Ende, und spricht mit dem Indio als Caballero zum Caballero. Der in Europa so ganz andere Verhältnisse gewöhnte Fremde muß immer wieder über die natürliche, kavaliermäßige Sicherheit staunen, mit der sich auch der einfachste Ureinwohner dieses Landes bewegt, und über das über alle sozialen Unterschiede hinwegleitende chevalereske Verhältnis gegenseitiger Höflichkeit und Achtung zwischen Patron und Peon.
Wie ich die beiden nebeneinander sitzen sehe, steigt mir eine Zukunftsvision dieses Staates auf, in dem sich aus den größten Gegensätzen des Klimas, des Bodens und der Menschen langsam und fast unmerklich ein neues Land und eine neue Rasse formen.