Los Andes.
Von Neuquen führen zwei Wege über die Kordillere der Anden nach Chile, der eine über San Carlos Barriloche und den Nahuel-Huapi-See, der andere über San Martin de los Andes, der erstere im Auto, letzterer nur zu Pferd oder Maultier benutzbar. So groß auch die Lockung war, über die Schneeberge zu reiten, die ich täglich vor mir sah, so entschloß ich mich doch, nach Buenos Aires zurückzufahren, um den ersten und Hauptverkehrsweg zwischen Argentinien und Chile zu benützen und über den Uspallatapaß mit der transandinen Bahn zuerst nach der Hauptstadt der chilenischen Republik zu fahren.
Vierundzwanzigstündige Schnellzugsfahrt bringt nochmals durch die seit Monaten wohlbekannte argentinische Landschaft. Pampa, flache, endlos weite unbegrenzte Ebene. Aber je mehr sich mit Tagesgrauen der Zug der Wein- und Obstzone von Mendoza nähert, desto mehr ändert sich der Charakter der Landschaft. Die Eindrücke vom Rio Negro und Neuquen wiederholen sich. Erst spärlich aufmarschierende Pappelreihen, die ersten Anzeichen künstlicher Bewässerung, dann dichter und dichter werdend Wein, Obstgärten und Alfalfafelder.
Mendoza ist das Zentrum des ältesten Wein- und Fruchtgebietes des Landes, eine friedliche Stadt; gepflasterte Straßen, Baumreihen und Häuschen, umrankt von Trauben. Hier wechselt die Spurweite, und die schmalspurige Andenbahn beginnt.
Von der Landschaft des Rio Negro kommt man in die des Neuquen. Die Kulturen verlieren sich zwischen Sand und Stein, die Berge, die als großartiges Panorama den Horizont säumten, rücken heran. Die Schienen gleiten in Flußtal und Schlucht hinein. Unten rauscht der Mendoza. Hie und da ist noch ein Kanal für die eine oder andere kleine Estancia mit wenigen Alfalfafeldern abgezweigt. Dann hört auch das auf. Die letzten Büsche verschwinden; kein Halm, kein Strauch, keine noch so dürre, bedürfnislose Distel. Nichts als Stein, nackter Fels; nur wo dem kahlen Stein die heißen Quellen entspringen, bei Cacheuta, inmitten ödester Felseinsamkeit mondänstes Leben.
Bald saust der Zug um scharfe Kurven. Täler verengen und weiten sich. Graues, schieferartig übereinandergeschobenes Gestein wird heller und rötet sich zu Sandsteinfarbe. Das letzte Grün verhaucht zwischen den Schluchten. Neue Felsen, neue öde, grandios einsame Steinhalden. Die Sonne brennt in den Steinkessel, die Bläue des Himmels vertieft sich. Im Zug wird es stiller und stiller. Tiefleuchtende Augen sehen voll stummer Andacht in diese Welt, so unbelebt, so unberührt. Hier ist Gottes ureigenstes Gebiet.
Nur das heisere Schnaufen des Zuges und der gellende Sirenenschrei der Lokomotive durchbrechen die Stille. Weiter und weiter. Als ginge es in steinernen Urwald hinein, in ein vormenschliches Zeitalter, mit einem Häuflein Menschen in hochmodernen Wagen.
Noch stummer, noch unbeweglicher, noch mahnender stehen die Felsen. Ein Grauen packt uns vor dieser Einsamkeit. Wer ist stärker, sie oder wir? Stumm stehen die Felsen. Kein Laut löst die Enge. Drei, vier Felsen, wie in Verzweiflung gerungene Hände, dicht aneinander und übereinander wachsend, dann wieder ein einziger großer Stein, ein mächtiger Koloß, ruhend, stark wie ein Gott, der die paar Menschen an sich herankommen läßt. Als der Zug, bei steilerem Anstieg wieder einmal in die Zahnradkette eingeschnappt, langsam keuchte, war einer ausgestiegen, der dann, als die Lokomotive plötzlich wieder anzog, nicht rasch genug wieder aufspringen konnte. Es gab ein verzweifeltes Rennen, bis der Zugführer verständigt war und stoppte. Auf den Zügen des italienischen Auswanderers malte sich das Grauen, als er uns wieder erreichte.