Scharf geht die Bahnlinie den Fels an. Steil wird die Trasse und gefährlich. Bald, in wenigen Wochen, in Tagen vielleicht werden zwischen jenen Felsblöcken die ersten Schneelawinen hinunterrollen. Der Mensch hat Schutzdächer gebaut, um seine Bahn zu schützen. Wie in einen Schlund tauchen wir unter das erste. Oder haben sie den Zweck, die Augen vor der immer großartiger werdenden Schönheit zu schützen? Wenn ein Schutzdach aufhört, sieht man verwirrt in die flimmernden Lichter. Die Sonne hat ihren Zenit überschritten. Regenbogenlichter spielen auf dem Fels. Dahinter die weißen Kuppen der Schneeberge und der bläuliche Schimmer von Gletschern. Wo sie herunterkommen, verändern sie den Fels. Rillen werden gewaschen, Blöcke verschoben. Man ahnt, daß auch hier Kämpfe spielen, der ewig währende, uralte Kampf zwischen Wasser und Stein.

Puente del Inca ist der letzte Punkt, bis zu dem die Zivilisation hochgedrungen. Dann stört nichts mehr die grandiose Monotonie der Berge. Nur der Schienenstrang, den der Mensch als Fessel über den Berg gelegt, verbindet menschliches Leben diesseits und jenseits der Kordillere. Wir sind jetzt in über dreitausend Meter Höhe. Das Blut pocht in den Schläfen. Der Kopf wird schwer von Wirrnis.

Aber als der Zug aus dem langen Tunnel heraustritt, der unter der Paßhöhe der Cumbre durchgestoßen, verwehen alle Spuren der Bergkrankheit. Nichts als restloses Aufgehen in dieser hinreißenden Schönheit des Landes. Der Fels fängt an zu opalisieren. Phantastisch bunte, lichte Farben legen sich über die Hänge: blau, wie Kobalt, rosenrot, violett, vom zartesten Grün bis zum intensivsten Giftton, Indigo, Purpur. Wie Pastellmalerei, zart und fein, spinnt sich das Bild der Farben über den Stein.

Von der Plattform des letzten Wagens ist es ein einsames Schauen, als schwebe man in unendlicher Einsamkeit den Fels hinan. Tiefste Frömmigkeit, wie nur die unmittelbare Todesnot der Schlacht sie brachte, füllt das Herz. Wenn man hier auf diese Höhe Menschen brächte, ihnen Nahrung erschließen könnte aus dem toten Stein, welch Geschlecht müßte hier erwachsen! Ein Geschlecht, das, in unmittelbarer Nähe des Schöpfers aufgewachsen, in seinem Herzen die starke, reine Flamme läutern müßte, die Flamme, die, hinuntergetragen in das dunstige, schlammige Tal, den Frieden bringen müßte den Menschen und Völkern, die heute einander töten, vernichten, vergiften, die wie Reptilien in eklem Pfuhl ineinander verschlungen und verbissen liegen.

Vorbei — ein neues Schutzdach blendet die Augen. Aber durch die viereckigen Löcher in seiner Decke fällt in dicken Streifen die Sonne herein. Wie Lichtpfeiler geleiten sie den Zug, und es ist, als arbeite sich die Maschine an ihrer Lichtspur aufwärts.

23. Das Paradies am Pazifik.

Santiago de Chile.