Ist es infolge der monatelangen Gewöhnung an die grenzenlose Eintönigkeit der Pampa, oder steht das Herz noch unter dem bangen Eindruck der steinernen Göttlichkeit der Kordillere, daß einen beim Hineingleiten in die chilenische Landschaft dies grünende, blühende, früchtetragende Land umfängt wie ein betörend schöner Traum?
Kaum daß der Zug den Tunnel unter der Höhe der Cumbre passiert hat und in rasend raschen Windungen auf 2000 Meter Höhe hinuntergeeilt ist, vorbei an dem indigoblauen Inkasee, dessen Tiefe noch niemand gelotet hat, kriecht bereits das erste Grün die Steinhänge hinan und weiden längs des sich aus Schmelzwasser bildenden Flusses Pferde und Rinder.
Auf das Grün folgt Kaktus in unheimlich fleischigen, dicken, übermannshohen Stämmen, pfeilgerade ohne Knollen, Früchte und Blätter zwischen dem Fels emportreibend, dann Felder, Gärten, Bäume, richtige schattenspendende Bäume, wie Argentinien sie kaum kennt, die Stationshäuschen von Veranden umgeben, blumenumrankt, und vor ihnen aufmarschiert in endloser Reihe ein Tisch neben dem andern, reichbeladen mit Früchten, Trauben, weiß, blau und rot, Äpfel, Birnen, eine Fülle fremder, absonderlicher Früchte, die der Reisende aus Europa noch nie gesehen.
Und der Eindruck eines paradiesisch schönen, phantastisch reichen Landes bleibt, mag man mit dem Zug weiter nach Westen über Santiago nach Valparaiso oder nach Süden nach Talca oder gen Norden nach Serena fahren. Er bleibt auch, wenn das in allen Farben brennende Herbstlaub von den Bäumen fällt und halbmeterhoch mit Blattgold die Wege deckt. Überzieht sich auch den einen oder andern Tag der Himmel und strömt wolkenbruchartig der Winterregen, die lehmigen Straßen in Gießbäche verwandelnd, so heben sich am nächsten Tag von der intensiven Bläue des Himmels traumhaft schön in blendender Weiße die bis tief hinab mit Schnee bedeckten Hänge der Kordillere ab. An ihrem Fuß aber wandelt man in strahlend warmer Sonne durch Gärten, in denen Rosen blühen, und aus deren dunklem Grün der satte Goldton reifer Orangen leuchtet.
Diese Gärten um Santiago! Kein Baum, kein Strauch, keine Pflanze der Welt scheint in ihnen zu fehlen. Von Kiefern, Pinien und Zedern, von den Eichen und Buchen unserer deutschen Heimat bis zu Palmen und Feigenbäumen voll reifer Früchte, bis zu Mandelbäumen und Paltas, deren Frucht mit Pfeffer und Salz aufgetischt im Herbst bei keiner chilenischen Mahlzeit fehlt.
Die Früchte aber, für die das milde Klima Mittelchiles zu warm ist, wie Äpfel und Birnen, kommen aus dem kälteren Süden, während der Norden subtropische und tropische Früchte liefert. Darum fehlt auf dem Markt von Santiago vielleicht keine Frucht und kein Gemüse der Welt. Dazu kommt über Valparaiso die ganze phantastische Tier- und Pflanzenwelt des Meeres, außer Fischen jeder Art Krebse, Hummern und Langusten, kreisrunde, tellergroße Taschenkrebse, eßbare Algen, stachelige Seeigel, Austern und Pfahlmuscheln.
In noch weiterem Maße als Argentinien erstreckt sich Chile durch alle Klimate und Zonen. Nicht nur, daß es sich nach dem Norden um mehr als vier Breitengrade, etwa 500 Kilometer, weiter dehnt als die Nachbarrepublik, die langgestreckte Enge des Landes bewirkt auch, daß jeder Punkt zu Lande wie zu Wasser rasch erreicht werden kann. So kann man in wenigen Tagen Bahnfahrt von dem völlig regenlosen Norden über das Zentrum mit seinem Mittelmeerklima in den Süden kommen, wo es, wie der Argentinier boshaft sagt, „13 Monate im Jahr“ regnet.
Mittelchile kennt nur Winterregen. Infolgedessen ist Landwirtschaft im allgemeinen nur mit künstlicher Bewässerung möglich. Aber anders als in der argentinischen Bewässerungszone, wo die Kanäle und Acequias das flache Land in planmäßige, langweilige Quadrate teilen, ziehen sich hier die wasserführenden Gräben an den Hängen der Berge entlang, und von ihnen dehnen sich abwärts malerisch wuchernde Gärten und Felder, mit Bäumen und Hecken umstanden, zwischen denen blühende Schlinggewächse ranken.
Es ist wohl das Schicksal von Paradiesen, daß sie stets den Wenigen vorbehalten bleiben. So ist auch Mittelchile, das Millionen sorgenlose Nahrung geben könnte, Sitz und Besitz weniger Großgrundbesitzer, die ihre „fundos“ mit teilweise noch halbleibeigenen Inquilinos bewirtschaften.
Während im argentinischen Bewässerungsland Wasser ein kostbares Element ist, bei dem mit jedem Tropfen gespart werden muß, strömt in Chile überall überreich das Wasser von der Kordillere, so daß hier die Anlage von Bewässerungskanälen im allgemeinen einfacher und billiger ist. Trotzdem ist noch ein großer Teil des Wassers für Landwirtschaftszwecke ungenützt, ebenso seine natürliche Kraft. Ein einziger Fall des Aconcagua, der Salto del Soldado, würde genügen, die ganze Andenbahn elektrisch zu betreiben. Bei der wachsenden Kohlennot der Welt liegen hier noch große Möglichkeiten. Chile hat auch das vor Argentinien voraus, daß es in seinen Kohlenfeldern bei Concepcion über reiche Schätze verfügt, und lediglich die in letzter Zeit häufigeren Streiks bewirkten den gefährlichen Kohlenmangel, der den größten Teil des Bahnverkehrs lahmlegte und jetzt auch die Industrie mit Stillstand bedroht.