24. Chilenische Präsidentenwahl.
Santiago de Chile.
Die Santiago einkesselnden Felsen, die sonst in matten Farben von dem abgetönten Gelb und Braun des Morgens bis zu dem rosigen, dann satten und schließlich flammenden Rot des Sonnenunterganges leuchten, glühen und brennen, sind über Nacht weiß geworden. Fast bis ins Tal hinunter ist der Schnee gekommen, der sonst nur auf den fernen Gipfeln blinkt. Unten aber in den reichen Quintas rings um die Stadt flammen im Grün die Goldorangen, und an strahlend klaren Tagen nimmt es diese Stadt an Schönheit mit der gelobtesten Landschaft Italiens auf.
Aber bald ziehen sich die Wolkenschleier vor. Es regnet und regnet. Oben in der Kordillere fällt dichter und immer dichter der Schnee. Die Nervosität jener, die noch rasch, ehe der Winter voll einsetzt, über die Anden wollen, steigt; ängstlich wird die Zeitung durchflogen, ob vielleicht schon die peinliche Nachricht drin steht: „Die Kordillere ist zu, aber man hofft, sie wieder freizubekommen“ — eine Hoffnung, die nur zu oft täuscht.
Meere verbinden, Berge scheiden! Nie wird einem das Wort klarer, als wenn man von Europa über Atlantik, Pampa und Kordillere in die zwischen Pazifik und Anden eingeklemmte Republik reist. Zwischen Amsterdam und Buenos Aires ist die Ähnlichkeit vielleicht größer als zwischen letzterem und Santiago. Und der Unterschied zwischen Chilenen und Argentinier, die doch beide aus dem gleichen Blute stammen — auch der indianische Einschlag in Argentinien geht ja auf die chilenischen Araukaner zurück —, fällt selbst dem ungeschulten Auge des Fremden auf.
Roosevelt nannte Chile das schönste Land der Welt. Man möchte es auch das gesegnetste nennen, und es möchte mir wohl wahrscheinlicher scheinen, daß das verlorengegangene Paradies unter dem milden, blauen Himmel Mittelchiles lag als in den heute trockenen und dürren Feldern Mesopotamiens. Wenn irgendwo in der ins Wanken geratenen Welt, so könnte man in Chile ein befriedetes, glückliches Volk erwarten. Statt dessen Volk und Land erschüttert von allen Fiebern politischer und sozialer Erregung. In diesem Land, das so reich ist, daß in einzelnen seiner Teile Massen von Korn, Kartoffeln und Früchten verderben, steigt in andern Teilen die Not von Tag zu Tag. In Santiago übertrifft die Teuerung des Lebens bereits die von Buenos Aires.
Und die gleichen Wetterzeichen, die der Fremde von Europa her gewöhnt ist: auch hier Streik und immer wieder Streik. Monatelang setzt die Arbeit in den Schächten von Concepcion aus, und immer rarer wird die Kohle. Erinnerung an das Zentraleuropa des Krieges und der Revolution: die Züge fahren immer unregelmäßiger, immer größer werden die Verspätungen. Zug auf Zug wird eingestellt. Schon geht seit Monatsfrist die nach dem Norden führende Bahn nicht mehr. Bis Serena wird von Santiago aus der Verkehr nur mühsam aufrechterhalten. Doch auch hier droht völlige Stockung. Aus der Provinz Atacama kommt die Nachricht, die Nordprovinzen verhungern, weil wegen Kohlenmangel die Stichbahnen stilliegen, die von den Küstenstädtchen Caldera, Carrizal und Huasco ins Innere führen. Im Süden aber verfaulen Berge von Kartoffeln.
Das ist der Boden, auf dem politische Erregung zur Siedehitze erglüht. Das große Pendel der Wahlbewegung hat zu schwingen begonnen, und alles, was an politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wünschen und Hoffnungen im Lande lebt, wird mit hineingerissen in diese eine Bewegung, von deren Ausgang jede Partei alles hofft und alles fürchtet.
Um die Pole, Barros Borgoño und Arturo Alessandri, hat das ganze Leben der chilenischen Republik zu kreisen begonnen. Als ich in den Märztagen des Jahres 1920 nach Chile kam, da sprach man in den Kreisen, die sehr viel Geld und sehr viel Einfluß haben, von Arturo Alessandri nur als von dem „Bolschewisten“ und „Maximalisten“. Man hielt seine Aussicht, von der Konvention der Allianza als Präsidentschaftskandidat nominiert zu werden, für recht gering. Als er doch überraschenderweise mit großer Stimmenmehrheit aufgestellt wurde, da meinte man in denselben Kreisen, das sei der dümmste Streich, den die Allianza Liberal hätte tun können; denn jetzt sei die Wahl des Kandidaten der Union Nacional mit Unterstützung der Konservativen sicher. Heute haben viele der gleichen Leute sich bereits mit Arturo Alessandri abgefunden, und die ganze Beurteilung dieses Mannes erinnert etwas an die Tonart der Pariser Blätter nach der Wiederkehr Napoleons von Elba. Als sein Schiff in den Hafen von Marseille einlief, schrieb die Pariser Presse: „Der Werwolf und Tyrann, Napoleon Bonaparte, ist in Frankreich gelandet.“ Langsam milderte sich dann der Ton, bis es kurz darauf hieß: „Unser geliebter, gefeierter Kaiser ist an der Spitze seiner Truppen in seine treue Hauptstadt eingezogen.“