Auf dem engen Raum zwischen Meer und Berg führen breite, schnurgerade Straßen senkrecht gegen den Fels. Von der See sieht es aus, als liefen Sturmkolonnen die steinernen Wälle an. Mit einem Blick übersieht man Stadt und Straßen. Es ist ein sonderbarer Anblick, wie saubere, breit asphaltierte Wege plötzlich enden, und dann kommt nichts als glatte, steile, sonnendurchglühte Steinwand.
Wo heute eine moderne europäisch-amerikanische Stadt mit 65000 Einwohnern steht, lebten vor fünfzig Jahren nur ein paar indianische Fischer. Man bedarf keines Reiseführers, um zu wissen, in welch hohem Maße das alles künstliche Schöpfung ist, einzig und allein auf dem kostbaren Gut beruhend, das die trostlose Wüste des Hinterlandes liefert: dem Salpeter.
„Te Ratanpuro“, „Te Dulcinea“, in haushohen Lettern sind Reklamen auf die steilen Felswände gekalkt wie ein Wahrzeichen für diese Stadt, die nichts kennt als Geschäft, Geschäft und wieder Geschäft. Wenn man aus dem Süden des Landes kommt, möchte man zweifeln, daß diese so ganz andersartige Stadt auch zu Chile gehört. Sie wirkt vielmehr wie eine der Städte im Süden der Union, denen die Mischung von angelsächsischer und hispano-amerikanischer Kultur ihr charakteristisches Gepräge gibt.
Dieser Eindruck wird verstärkt, wenn man die Straßen durchwandert. Angelsächsische Sauberkeit und Akkuratesse, aber auch angelsächsische Langeweile und Eintönigkeit. Straßen und Läden, wie sie ebensogut in jeder Londoner Vorstadt stehen könnten. Die blumen- und palmenumstandene Plaza, die in keiner mittel- oder südamerikanischen Stadt fehlen darf, wirkt hier fast fremdartig, als gehöre sie nicht zwischen diese sauberen, langweiligen Straßen, in denen sich ein englisches Geschäftsschild an das andere reiht.
Die Deutschen, die in Süd- und auch in Mittelchile im Wirtschaftsleben des Landes eine so maßgebende Rolle spielen, treten hier gegenüber den Angelsachsen völlig zurück. Dagegen nehmen die Slawen eine hervorragende Rolle ein, und zwar vor allem Südslawen ehemals österreichischer Nationalität. Kroaten, Dalmatiner, daneben Serben und Montenegriner. Eine Reihe großer Firmen und Salpeteroficinen sind in ihren Händen. Darüber hinaus aber sind sie durch die ganze Pampa Salitrera bis an die bolivianische Grenze vor allem als Wirte und Hoteliers verstreut.
Gerade diese Slawen an der Westküste Südamerikas haben im Weltkrieg sehr bald, größtenteils von seinem Beginn an, eine feindliche Haltung gegen den Staat angenommen, dem sie offiziell angehörten. Sie richteten ein eigenes jugoslawisches Paßbüro ein, und noch heute stößt man als Deutscher im Verkehr mit ihnen auf einige Schwierigkeiten, wenn sich auch ihr ganzer Haß noch immer gegen das entschwundene Österreich und gegen — Italien richtet.
Antofagasta ist bolivianischer Freihafen. Hier ist eine bolivianische Zollbehörde, und der Import und Export Boliviens geht zollfrei über diesen chilenischen Hafen. Dies ist das einzige, was Bolivien von der einst ihm gehörenden Stadt und der ganzen reichen Provinz Antofagasta geblieben ist.
Chile dagegen ist billig genug zu dieser Stadt gekommen, die ihr heute allein an Zöllen täglich 180 Peso Gold einbringt. Als Bolivien einen Ausfuhrzoll auf den von Chilenen auf seinem Territorium ausgebeuteten Salpeter legte, landete Chile im Jahre 1879 kurzerhand 200 Soldaten, die die bolivianischen Behörden vertrieben und die Stadt in Besitz nahmen. Damit wäre der Kampf um die Provinz Antofagasta eigentlich erledigt gewesen, wenn nicht Peru eingegriffen hätte und auf die Seite Boliviens getreten wäre. Dieses Eingreifen kostete die Peruaner, nachdem sie bei Iquique und Tacna geschlagen und die Chilenen in ihre Hauptstadt Lima einmarschiert waren, die Provinzen Tarapaca und Tacna-Arica. Erstere ist wertvolles Salpeterland, letztere eine wichtige strategische Position. Seitdem ist das Verhältnis zwischen Peru und Chile ähnlich wie das Frankreichs zu Deutschland, und Tacna-Arica wird vielleicht in Südamerika eine ähnliche Rolle spielen wie Elsaß-Lothringen in Europa.
Antofagasta ist eine Männerstadt und eine Stadt, in die man nur geht, um Geld zu machen. Einige Kinos und Kneipen bestreiten die kulturelle und Vergnügungsseite des Lebens. Kein Bad am Strand, kein Segelsport. Meer wie Fels scheinen gleicherweise unwirtlich. Kein Spaziergang, kein Garten, und fast wirkt es wie ein grotesker Witz, wenn man auf dem Felsen über dem kümmerlichen, fast nur angedeuteten Garten der Quinta Corrizo, eine Wegestunde von der Stadt entfernt, liest: „Schönster Ausflugsort Antofagastas.“ Nach einigen Tagen Aufenthalt verläßt man gern diese Stadt und vergißt dabei ganz, daß sie Zehntausenden, die in der trostlosen Pampa ein einsames Leben führen, Verkörperung alles Luxus, alles Vergnügens, aller Kultur ist.