Die junge Cholafrau war ein selten zartes, schlankes Geschöpf mit feinem braunem Gesicht, und es wirkte merkwürdig, wie sie demütig, sklavenhaft an der Wand lehnte und den Rest der Suppe löffelte, während wir um den Tisch vor vollen Fleischschüsseln und gefüllten Biergläsern saßen. Aber das ist nun einmal Landesbrauch.
Nach Tisch gingen wir ins Café an der Plaza: ein kleines Zimmer, Stühle und Tische, augenscheinlich aus den verschiedensten Häusern zusammengeliehen, ein Billard und in der Ecke auf einigen über Kisten gelegten Brettern die Bar. Es gab nur Schnaps; denn die Frachtführer hatten seit langem aus La Paz kein Bier gebracht. Aber gleichwohl war der Raum übervoll, und es mußte wohl ein sehr gutes Geschäft sein; Ausstattung und Betrieb waren mehr als wildwestartig primitiv und der Besitzer Schenk- und Zahlkellner wie Barkeeper in einer Person.
Als wir heimgingen, zerbrach ich mir schier den Kopf, wie wohl die Unterbringung für die Nacht sein sollte; denn ich wußte, daß das Haus aus einem einzigen Raum bestand, an den sich nach rückwärts nur ein offenes Dach anschloß, unter dem gekocht wurde. Allein unsere Gastfreunde schienen keine Schwierigkeit zu sehen. Als wir zurückkamen, lagen die Kinder schon schlafend auf der Bank, und uns beiden wurde, als sei es gar nicht anders denkbar, das einzige Bett als Schlafstätte angeboten. Natürlich lehnten wir ab. Aber es bedurfte erst eines endlosen Hin- und Herparlamentierens, bis sich unsere Wirte endlich fügten und die Frau des Hauses die Kinder von der Bank wieder ins Bett legte. Während wir auf Schaffellen auf dem Boden unser Lager bereiteten, legte sie mit größter Ungeniertheit Rock und Bluse ab, schlüpfte zu den Kindern, ihr Gatte dazu, und bald hörte man nichts als tiefe ruhige Atemzüge.
Die Luft war stickig; denn die Tür war fest geschlossen. Dazu machte sich bald das übliche Ungeziefer bemerkbar, trotzdem ich meinen Schlafsack so voll Insektenpulver geschüttet hatte, daß ich selbst kaum schnaufen konnte.
Mein Reisekamerad wachte auf, und so kamen wir ins Gespräch, flüsternd, während vom Bett in der Ecke her das Atmen der Familie zu uns herüberdrang.
Mir war schon unterwegs das eigenartige Braun und der scharfe Schnitt der Züge meines Reisekameraden aufgefallen, und so fragte ich ihn, woher er stamme.
„Araber, aus Damaskus; nach dem ersten Balkankrieg kam ich herüber.“
Ich mußte plötzlich daran denken, wie ich in den Dezembertagen jenes unglücklichen Krieges vor dem verzweifelten Angriff der Bulgaren auf Tschataldscha bei dem Ritt an die Front unweit Derkeskoj jenem frisch aus Damaskus eingetroffenen Araberregiment begegnete, das sich in Aussehen und Haltung so sehr von den bei Kirkilisse geschlagenen und nach der Tschataldschalinie zurückflutenden Türkentruppen unterschied.
Ich fragte ihn, ob er jenem Regiment angehört, und als er bejahte, folgte Erinnerung auf Erinnerung an jene Zeit und Gedankenaustausch über das, was dann kam, den Weltkrieg, den Zusammenbruch, den Sturz des Kalifats und das Sinken des Halbmondes.