Im hochgelegenen Irupana war es kühl gewesen, wie an einem bewölkten Frühlingstag in Deutschland. Aber hat man den Paß hinter sich, ist stundenlang über den sanft sich senkenden Rücken geritten und hat den Abstieg in scharfen Serpentinen zum Bett des Rio de La Paz hinunter vollendet, eines bei La Paz entspringenden Quellflusses des Beni, so wird es wärmer und wärmer. Ab und zu sieht man zwischen Büschen, an deren Stelle mehr und mehr Palmen treten, den Fluß heraufschimmern, ausgegossen zwischen die steilen Felsmauern wie flüssiges Blei. Das erstemal erschrickt man, wenn man dieses zwei- bis dreihundert Meter breite, mattfarbene Band erblickt, — wie soll man da hinüberkommen? Aber bald sieht man, daß es das sandige, steinige Flußbett ist, das der Fluß nur in einzelnen schmalen Linien durchzieht.
Es wird schwül wie in einem Gewächshaus. Seltsame Pflanzen schießen zu beiden Seiten des Weges hoch. Haushohe Kakteen von einem weißlichen, verwitterten Graugrün, die aufeinandergetürmt sind wie Reste zerbrochener Säulen oder wie unheimliche, schlanke Monolithe. Von ihren Stacheln hängt ein seltsames fahlgrünes Moos herunter, das auch alle andern Bäume und Pflanzen zu überziehen beginnt, eine Wucherpflanze, zäh wie Draht, die auf alle Äste und Zweige klettert, das letzte Grün der Bäume erstickend, bis von den gebeugten, sterbenden Stämmen gleich Greisenbärten nur mehr das tückische Moos hängt, und sie, bis ins Mark zerfressen, zusammenbrechen.
Unten im steinigen Flußbett aber glüht und brennt die Sonne zwischen den hohen Felsmauern wie in einem Feuerofen.
Sorgfältig die Spuren zwischen den Steinen lesend, sucht und findet man die Furt. Bis über den Bauch geht dem Tier die schmutzig braune Flut.
Jenseits mündet ein Tal. Zwischen Urwaldrankwerk führt ein schmaler Pfad. Bald darauf ein Bananenhain und Bambusrohrhütten. Vor einer der Hütten hockt eine alte Negerin, vom Halse herunter hängt ein Kropf, nein, ein Dutzend Kröpfe, in der schlaffen Haut liegen sie wie Bälle in einem Netz. Ein junges Weib neben ihr platt auf dem Bauch, die straffen Brüste vor sich ausgebreitet und an jeder einen Bengel säugend.
Es sind Neger, die hier arbeiten, des Fiebers wegen, das den Indianer gleich dem Weißen angreift. Hier beginnt die königreichgroße Finca des Sindicato Industrial, die erste Finca des Syndikats „Miguillo“. Der Weg zur Hacienda führt durch eine Allee von Sisalagaven, ungeheuern Pflanzen, die ihre harten, scharfen, spitzen Blätter wie Schwerter über den Weg strecken, so daß es schwierig erscheint, unverletzt dazwischen durchzukommen.
Von hier an beginnt das lichte Grün des Zuckerrohrs, sich in der Ferne wie eine unendlich frische, saftige Wiese von der dunklen Tönung des Waldes abzuheben.
Kreuz und quer über den Fluß, bis das Tal sich weitet, die Hügel zurücktreten und mitten im lichtesten Grün zwischen Palmen und Orangenbäumen die blanken Wellblechdächer der Hacienda Cañamina, des Hauptsitzes des Syndikats, in der Sonne blinken.
Wo sengende Sonne und Wasser im Überfluß zusammenkommen, da wächst die Caña, das Zuckerrohr. So viel Wasser braucht die Pflanze, daß selbst der reichliche Regen hier in den Yungas nicht ausreicht und zwischen den Reihen der bambusartigen Stauden ständig die Fluten künstlicher Bewässerung rinnen müssen, welche die von den Bergen herunterstürzenden Gießbäche speisen.
Einundeinhalbes Jahr braucht das Zuckerrohr bis zur Reife, bis die Neger oder Indianer tagtäglich mit ihren meterlangen, schweren, breiten Messern in die Cañaverales, die Zuckerrohrfelder, hinausziehen, um das Rohr zu schneiden.