Mein Vater zog mich in seine Arme.
„Meine Zärtlichkeit und Fürsorge für Dich, mein Kind, erlauben es mir nicht mehr, Dich als ein Kind zu betrachten. Du bist heute in einem Alter, da man Dir so gut wie alles sagen kann, und das will ich nun tun.
Die Natur fördert bis zum fünfzehnten oder sechzehnten Lebensjahr eines Menschen dessen Wachstum. Sie braucht dazu einmal länger, einmal kürzer, je nach den Anlagen des Individuums. Doch im Allgemeinen reicht dieses Alter für Dein Geschlecht aus. Im Alter von siebzehn oder achtzehn Jahren kann man eine Frau als erwachsen ansehen. Bei den Männern braucht die Natur länger, um ihre Vervollkommnung zu erreichen. Wenn man diese Zeit des Reifens mißbraucht und Empfindungen und Handlungen vorwegnimmt, die einer späteren Epoche angemessen sind, kann daraus ein beachtlicher Schaden entstehen.
Die Frauen zum Beispiel, die allzu frühe Erfahrungen gemacht haben, die ihrem Reifegrad nicht entsprechen, sterben früh oder bleiben klein, schwächlich und anfällig, oder sie leiden an einer Schwindsucht, die vor allem ihre Brust befällt und deren Opfer sie in Kürze werden. Manchmal hindert sie auch eine Erkrankung des Blutes, ihre monatliche Regel pünktlich und ausreichend zu bekommen. Daraus resultieren dann Vapeurs, Hysterie und Nervenzufälle sowie die Qualen einer unersättlichen Geschlechtsbegierde. All das beeinträchtigt die Tage eines solchen unglücklichen Geschöpfes. Bei den jungen Männern ist es ganz ähnlich. Sie erleiden die unglücklichsten Tage, wenn sie nicht gar vor der Zeit sterben.“
Meine teure Eugenie, Du kannst dir wohl vorstellen, wie mich diese Eröffnung erschreckte. Ich wurde mir in diesem Augenblick seiner Freundschaft und der Sorge, die er um mein Wohlergehen trug, doppelt bewußt. Es war nur seine Güte gewesen, die mir das verwehrt hatte, was ich als ein hervorragendes Vergnügen zu betrachten geneigt war. Das Leben erschien mir wieder recht angenehm, und wenn ich künftig ein Verlangen nach einer gewissen Art von Vergnügen verspürte, würde ich aus Rücksicht auf meine Gesundheit und mein Leben gern darauf verzichten.
„Ich habe diese Neigung in Dir wohl erkannt“, fuhr mein Vater fort, „und bei Deiner Jugend hätten dich alle Gründe der Welt nicht davon zurückhalten können. Deshalb habe ich diese Vorsichtsmaßregel getroffen, die Dir so wenig gefallen hat. Doch nun werde ich darauf verzichten. Es wäre gut, wenn man solche Schutzmaßnahmen bei allen jungen Leuten anwenden würde, die durch unvorhergesehene Zufälle oder durch unkluge Personen zu früh über Dinge unterrichtet wurden, die nicht für ihr jugendliches Alter bestimmt sind.“
Die Furcht vor einer zerrütteten Gesundheit oder gar vor einem frühen Tod war von nun an zwar in meiner Phantasie sehr lebendig. Doch andererseits hatte ich gesehen, was mein Vater mit Lucette tat, und die Art, wie er mit ihr lebte, hob die Wirkung dieser Furcht wieder auf. Ich konnte mich nicht zurückhalten, ihm eines Tages meine Zweifel zu eröffnen.
„Warum, mein teurer Vater, haben Sie bei Lucette nicht dieselben Vorkehrungen getroffen? ja, noch mehr: Warum tun Sie mit ihr laufend, was Sie mir verweigern?“
„Aber mein liebes Kind, bedenke doch, Lucette ist völlig erwachsen. Sieh nur den Überfluß der Natur in ihrem Körper. Sie ist schon imstande, andere Lebewesen zu ernähren. Dieser Zustand, mein liebes Kind, kündigt sich durch das pünktliche Auftreten, der monatlichen Regel an. Ich kann Dir nicht verschweigen, daß es in ihrem Alter gefährlich wäre, wenn ein gewisser Überfluß von Samen aufgestaut und in ihr zurückgehalten würde und so in ihre Blutbahnen geriete. Dadurch würde in ihr ein gefährliches Feuer, eine Art von sinnlicher Raserei entfacht werden.
Ihre Stimmungen und ihr Temperament würden darunter leiden, ja selbst die Zirkulation der Säfte in ihrem Körper könnte dadurch ernsthaft gestört werden. Das könnte ihre Gesundheit untergraben, Vapeurs und frenetische Anfälle sowie viele andere Übel verursachen. Haben wir nicht genügend Beispiele dafür in den Klöstern, wo die Frömmelei zum Despotismus wird und wo es nichts gibt, was den unglücklichen Eingeschlossenen ihre Lage erleichtern könnte? Man mischt Lotosabsud und Salpeter in ihre Getränke, um die Anlagen eines lebhaften Temperaments zu unterdrücken. Doch nach einiger Zeit bleiben diese Mittel ohne Wirkung oder sie zerstören den Magen, so daß diese Gefangenen des Aberglaubens, die wie weiße Blumen dahinwelken, für den Rest ihres Lebens von Verdauungsstörungen und inneren Schmerzen geplagt sind, ja, an manchen dieser Schreckensorte werden sogar die Pensionärinnen auf diese Weise behandelt, so daß sie schließlich alle möglichen Leiden und Nervenanfälle davontragen, die eine Folge der gewaltsamen Unterdrückung ihrer natürlichen Vitalität sind. Selbst Eltern, die ihre Kinder lieben, beachten diesen Punkt viel zu wenig.