Istud quod digitis, Pontice, perdis, homo est[44)].

Und es ruft dir zu die Natur, sie selbst: Halte ein;

Was deine Hand vergießt, verdiente ein Mensch zu sein!

Das ist schön und wahr; indessen sind Dichter nicht in Dingen maßgebend, die von der Vernunft entschieden werden müssen.

Der Haupt- und vielleicht der einzige Grundsatz der Natur ist: schlecht ist, was schadet. Der Ehebruch steht der Natur nicht so fern und ist ein sehr viel größeres Übel als der Onanismus. Der könnte nur der Jugend Gefahr bringen, wenn er ihre Gesundheit angreift; aber für die Moral kann er oft sehr nützlich sein. Der Verlust von etwas Samen an sich ist kein sehr großes Übel, er ist nicht einmal ein so großes wie der von etwas Dünger, der einen Kohlkopf hätte hervorbringen können. Sein größter Teil ist von der Natur selber dazu bestimmt, verloren zu gehen. Wenn alle Eicheln Eichen werden wollten, würde die Welt ein Wald werden, in dem man sich nicht bewegen könnte. Kurz, ich sage mit Martial: „Ihr sollt euch also eurem Weibe nicht nähern, wenn sie hohen Leibes ist, denn: Istud, quod vagina, Pontice perdis, homo est.“ Wenn ihr sie so fasten laßt, seid ihr ein rechter Dummkopf und werdet ihr gar viel Verdruß bereiten, was vom Übel ist. Überdies werdet ihr, bevor sie niederkommt, alles sein, was ein Ehemann werden kann, was im Vergleich damit etwas wenig ist.

Die Anandrine

Die berühmtesten Rabbiner sind der Meinung gewesen, daß unsere ersten Väter beide Geschlechter in sich vereinigten und als Zwitter geboren wurden, um die Fortpflanzung zu beschleunigen. Doch nachdem eine gewisse Zeit verstrichen, hörte die Natur auf, so fruchtbar zu sein, zu der Zeit, wo die Pflanzenstoffe nicht mehr für unsere Nahrung ausreichten und die Menschen anfingen, sich des Fleisches zu bedienen.

Im Anfange war es sicher so, und wir haben in diesen Ausführungen[45)] gesehen, daß Adam zweigeschlechtlich erschaffen worden ist. Gott gab ihm eine Gefährtin; doch die Schrift sagt nicht, ob Adam bei diesem Wunder eine seiner Eigenschaften verlor. Da die Genesis sich also in keiner genauen Weise über diesen Gegenstand äußert, hat das System der Rabbiner lange Zeit eine große Anhängerschaft gehabt.

Man hat ein gemäßigteres System aufgestellt, das einigen Leuten wahrscheinlicher vorgekommen ist. Daß es nämlich drei Arten von Wesen in dem ersten Zeitraum gegeben habe, die einen männlich, die anderen weiblich, andere männlich und weiblich in einem; daß aber alle Individuen dieser drei Arten jedes vier Arme und vier Beine, zwei Gesichter, eines gegen das andere gekehrt und auf einem einzigen Halse ruhend, vier Ohren, zwei Geschlechtsteile usw. gehabt hätten. Sie gingen aufrecht; wenn sie aber laufen wollten, schossen sie Purzelbaum. In ihre Ausschweifungen, ihre Keckheit, ihren Mut teilten sie sich; daraus aber ergab sich ein großer Übelstand: jede Hälfte versuchte unaufhörlich sich mit der anderen zu vereinigen, und wenn sie sich trafen, umarmten sie sich so eng, so zärtlich mit einem so köstlichen Vergnügen, daß sie sich zu keiner Trennung mehr entschließen konnten. Ehe sie sich voneinander rissen, starben sie lieber Hungers.

Das Menschengeschlecht sollte zugrunde gehen. Gott tat ein Wunder: er trennte die Geschlechter und wollte, daß die Wonne nach einem knappen Zeitraume wiche, damit man etwas anderes täte, als einer an dem anderen festkleben. Daher kommt es, und nichts ist einfacher, daß das weibliche Geschlecht, getrennt von dem männlichen Geschlechte, eine glühende Liebe zu den Männern bewahrt hat, und daß das männliche Geschlecht unaufhörlich darnach trachtet, seine zärtliche und schöne Hälfte wiederzufinden.