Da das Gedächtnis alles behielt, lebte die Überlieferung mit unendlich viel größerer Treue, Genauigkeit und Bestimmtheit fort als bei den verwickelten und unendlichen Mitteln, die wir anhäufen, ohne irgendeine Art von Sicherheit erreichen zu können. Jeder Körper hat seine Ausströmungen; die der Erde sind ganz nutzlos. Auf dem Ringe bilden sie eine stets auf beträchtliche Entfernungen hin wirksame Atmosphäre; und diese Emanationen, von denen Shackerley nur einen Begriff geben konnte, indem er sie mit den Atomen verglich, die man mit Hilfe von Sonnenstrahlen, die in ein dunkles Zimmer eingeführt werden, unterscheidet, diese Emanationen, sage ich, antworteten auf all die Nervenbüschel des Gefühls des Individuums. Ähnlich den Staubfäden der Pflanzen, den chemischen Verwandtschaften strömten sie in die Emanationen eines anderen Individuums über, wenn die Sympathie sich da begegnete; was, wie man sich leichtlich denken kann, die Sensationen, von denen wir uns nur ein sehr ungenaues Bild machen können, ins Unendliche vervielfältigte. Zum Beispiel geben sie die Wonnen zweier Liebenden wieder, ähnlich denen des Alphaeus, der, um sich der Arethusa zu erfreuen, welche Diana eben in einen Quell verwandelt hatte, sich in einen Fluß verzauberte, um sich noch inniger mit seiner Geliebten zu vereinigen, indem er seine Wogen mit ihren vermischte.

Diese lebhafte und fast unendliche Kohäsion so vieler fühlbarer Moleküle brachte notwendigerweise in diesen Wesen einen Lebensgeist hervor, den Shackerley durch ein mozarabisches Wort ausdrückt, das die Akademie der Innamorati mit dem Worte elektrisch übersetzt hat, obwohl die Phänomene der Elektrizität in diesen zurückliegenden Zeiten noch nicht bekannt waren.

Alles war in diesen Gegenden ohne Pflege im Überfluß und derartig vorhanden, daß der Besitz dort ebenso nutzlos wie lästig geworden wäre. Man fühlt, daß, wo es keinen Besitz gibt, auch sehr wenige Ursachen zu Zwistigkeiten und Feindschaften vorliegen können, und daß die vollkommenste politische Gleichheit herrscht, vorausgesetzt, daß solche Wesen eines politischen Systems bedürfen. Ich weiß nicht, was ihre Ruhe trüben könnte, da ihre Bedürfnisse mehr im Vorbeugen als im Befriedigen liegen, wenn der Geschmack des Verlangens ihnen nicht abgeht und sie das Gift des Überdrusses nicht zu fürchten haben.

Auf dem Saturnringe übertragen sich die Kenntnisse durch die Luft auf sehr beträchtliche Entfernungen hin, auf demselben Wege, auf dem sich das Sonnenlicht fortpflanzt, das bekanntlich in sieben Minuten zu uns kommt. Eine Einatmung, oder anders ein gemäßigter Hauch genügt, um einen Gedanken mitzuteilen. Davon geht der bewunderungswürdige Wettstreit unter den unendlichen Völkern aus, die dieses Verständnisses und dieser auf dem ganzen Ringe allgemein verbreiteten Harmonie zufolge sich nur mit ihrer gemeinsamen Glückseligkeit beschäftigen, die niemals im Widerspruch mit der eines einzelnen Individuums gestanden hat.

Diese, besonders für die Menschheit so seltsamen Wesen erfreuten sich also eines ewigen Friedens und eines unwandelbaren Wohlbefindens. Die Geschicklichkeiten, die auf das Glück und die Erhaltung der Art abzielten, waren so vervollkommnet, wie man sie sich nur denken und sich selber wünschen kann, und man hatte dort nicht den geringsten Begriff von den verheerenden, durch den Krieg erzeugten Kunstgriffen. So hatten die Ringbewohner nicht die Wechsel von Vernunft und Wahnsinn durchzumachen, die unsere Gemeinschaften so verschwenderisch mit Gut und Böse vermischt haben. Die großen Talente in der furchtbaren Wissenschaft, diese hervorzubringen, waren, weit entfernt davon, bei ihnen bewundert zu werden, dort nicht einmal bekannt. Die unfruchtbaren oder künstlichen Vergnügungen herrschten dort ebensowenig wie der falsche Ehrbegriff, und ihr Instinkt hatte die glückseligen Wesen mühelos gelehrt, was die traurige Erfahrung so vieler Jahrhunderte uns noch vergeblich anzeigt, ich will sagen, daß der wahre Ruhm eines intelligenten Wesens Kenntnisse sind und der Friede sein wahres Glück ist.

Das ist alles, was eine rasche Lektüre von Shackerleys Reise mir zu behalten erlaubte, den Habacuc am Ende seiner Fahrt bei den Haaren ergriff und in Arabien niedersetzte, wo er ihn aufgehoben hatte. Wenn das Auseinanderfalten und die Übersetzung dieses kostbaren Manuskripts vollendet sein wird, will ich dem weisen Europa eine nicht minder authentische Ausgabe als die des heiligen Buches der Brahmanen vorlegen, die Herr Auquetil ganz gewiß von den Ufern des Ganges hergebracht hat, denn ich schmeichle mir, die mozarabische Sprache beinahe ebenso gut zu können, wie er den Zent oder den Pelhvi versteht.

Die Anelytroide

Ohne Widerspruch ist die Bibel eines der ältesten und seltsamsten Bücher, das es auf Erden gibt.

Die meisten Einwände, auf die sich Leute stützen, die nicht zu glauben vermögen, daß Moses ein göttlicher Ausleger gewesen ist, scheinen mir sehr unzureichend. Nichts ist zum Beispiel mehr ins Lächerliche gezogen worden als das Sinnliche der heiligen Bücher, das einen tatsächlich als sehr mangelhaft anmutet. Aber man zieht den Zustand dieser Wissenschaft in den ersten Menschenaltern gar nicht in Erwägung, für die das Buch ja schließlich verständlich sein mußte. Das Sinnliche war damals das, was es noch heute sein würde, wenn der Mensch niemals die Natur erforscht hätte. Er sah den Himmel für ein Azurgewölbe an, auf welchem Sonne und Mond die wichtigsten Gestirne zu sein schienen; erstere brachte stets das Tageslicht, letzterer das der Nacht hervor. Man sah sie erscheinen oder sich auf einer Seite erheben und auf der anderen verschwinden oder untergehen, nachdem sie ihren Lauf vollendet und ihr Licht einen bestimmten Zeitabschnitt über hatten leuchten lassen. Das Meer schien von derselben Farbe wie das Azurgewölbe, und man glaubte, daß es den Himmel berühre, wenn man es von weitem betrachtete. Alle diesbezüglichen Gedanken des Volkes halten oder können sich nur an diese drei oder vier Eindrücke halten; und wie fehlerhaft sie auch sein mögen, man muß sich nach ihnen richten, um sich zu seinem Standpunkt herabzulassen.

Da das Meer sich in der Ferne mit dem Himmel zu vereinigen schien, mußte man sich natürlich einbilden, daß es obere und untere Gewässer gäbe, deren eine den Himmel anfüllten, die anderen das Meer. Und um die oberen Gewässer zu halten, gab es ein Firmament, will sagen, eine Stütze, eine starke und durchscheinende Wölbung, durch die man die azurnen oberen Gewässer erblickte.