Hier ist nun, was der Text der Genesis sagt:
„Es werde eine Feste zwischen den Wassern, und die sei ein Unterschied zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste, und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und Gott nannte die Feste Himmel . . . Und alle unter der Feste versammelten Wasser nannte er Meer.“
Klar ist, daß man auf diese Ideen beziehen muß:
1. die Katarakte des Himmels, die Türen und Fenster des festen Firmaments, die sich auftun, wenn die oberen Gewässer auf die Erde fallen sollen, um sie zu überschwemmen,
2. den gemeinsamen Ursprung von Fischen und Vögeln, erstere durch die unteren Wasser hervorgebracht, die Vögel durch die oberen Gewässer, weil sie sich auf ihrem Fluge der Azurwölbung nähern, von welcher das Volk glaubt, daß sie nicht viel höher ist als die Wolken.
Ebenso glaubt dies Volk, daß die Sterne, die wie Nägel in die Wölbung geheftet, viel kleiner als der Mond, unendlich viel kleiner als die Sonne seien. Es unterscheidet die Planeten von den Fixsternen nur durch den Namen: die umherschweifenden Sterne. Zweifelsohne werden aus diesem Grunde die Planeten in der ganzen Schöpfungsgeschichte nicht erwähnt. Alles dies ist in Rücksicht auf den gewöhnlichen Menschen dargestellt worden, bei dem es sich nicht darum handelt, ihm das wirkliche System der Natur zu erklären, sondern für den die Belehrung dessen hinreichte, was er dem höchsten Wesen schuldete, indem man ihm dessen Erzeugnisse als Wohltaten zeigte. All die erhabenen Wahrzeichen der Weltorganisation, wenn man so sagen kann, dürfen nur mit der Zeit sichtbar werden, und das oberste Wesen sparte sie sich vielleicht als das sicherste Mittel auf, den Menschen an sich zu gemahnen, wenn sein Glaube, von Jahrhundert zu Jahrhundert sich vermindernd, kraftlos, schwankend und fast zunichte geworden wäre; wenn er entfernt von seinem Ursprung, ihn schließlich vergessen würde, wenn er an das große Schauspiel des Weltalls gewöhnt, aufhören sollte, dadurch gerührt zu sein und wagen würde, den Schöpfer nicht kennen zu wollen. Die großen aufeinander folgenden Entdeckungen festigten und vergrößerten den Gedanken an dies unendliche Wesen in dem Menschengeiste. Jeder Schritt, den man in der Natur tut, erzeugt diese Wirkung, indem er einen dem Schöpfer näher bringt. Eine neue Wahrheit wird ein großes Wunder, ein größeres Wunder zum höheren Ruhme des hohen Wesens als alle, die man uns aufführt, weil die, selbst wenn man sie gelten läßt, nur Glanzlichter sind, die Gott unmittelbar und selten aufsetzt. Statt wie bei den andern, bedient er sich des Menschen selbst, um die unbegreiflichen Wunder der Natur zu entdecken und kund zu tun, die in jedem Augenblick hervorgebracht, zu jeder Zeit und für alle Zeiten zu seiner Betrachtung aufgezählt, den Menschen unaufhörlich, nicht allein durch das gegenwärtige Schauspiel, sondern mehr noch durch die aufeinander folgenden Entwicklungen an seinen Schöpfer gemahnen müssen.
Das ist’s, was unsere unwissenden und dünkelhaften Theologen uns lehren müßten. Die große Kunst besteht darin, immer die Kunde von der Natur mit der der Theologie zu vermischen, nicht darin, heilige Dinge und Vernunft, Glaubenstreue und Philosophie unaufhörlich gegeneinander auszuspielen.
Eine der Quellen des Mißkredits, in den die heiligen Bücher gerieten, sind die gewaltsamen Auslegungen, die unsere so hochfahrende, so abgeschmackte, mit unserem Elend so übereinstimmende Eigenliebe allen Stellen zu geben wußte, die wir uns nicht zu erklären vermögen. Von da sind die bildlichen Bedeutungen, die ungewöhnlichen und unschicklichen Gedanken, die abergläubischen Übungen, die seltsamen Gebräuche, die lächerlichen oder ungereimten Entscheidungen, ausgegangen, in denen wir untergehen. All die menschlichen Narrheiten stützen sich auf Stellen, die den Auslegern Widerstand entgegensetzen, die sich abplagen, hartnäckig sind und nichts wissen, wie wenn das höchste Wesen dem Menschen nicht die Wahrheiten zu geben vermocht hätte, die er nur in künftigen Jahrhunderten kennen lernen, wissen und ergründen sollte. In dem Augenblick, wo wir gelten lassen, daß die Bibel für den Weltkreis geschaffen worden ist, soll man erwägen, daß man heute sehr viel mehr Dinge tut, die man — vierzig Jahrhunderte sind inzwischen verstrichen — damals nicht kannte, und daß man in vierhundert weiteren Jahren Geschehnisse kennen wird, die wir nicht wissen. Warum also vorgreifend urteilen wollen! Kenntnisse erwirbt man stufenweise fortschreitend, und sie erschließen sich nur in unmerklichem Vorwärtsgehen, welches die Umwälzungen der Reiche und der Natur verzögern oder beschleunigen. Nun heischt das Verständnis der Bibel, die seit einer so großen Zahl von Jahrhunderten vorhanden ist — gibt es doch wenige Dinge von einem ebenso hohen Alter anzuführen — vielleicht noch eine lange Periode von Anstrengungen und Nachforschungen.
Einer der Artikel der Genesis, die dem Menschenverstande ungewöhnlich zugesetzt hat, ist der Vers siebenundzwanzig des ersten Kapitels:
„Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie einen Mann und ein Weib.“