Allen Spaß beiseite, — man sieht, welchen Nutzen dieses seltsame Barometer sowohl China wie den Missionaren brachte, die sich dadurch zu ihrer berühmten Klage über die Lavements veranlaßt sahen. Die Chinesen kennen diese Art Einspritzung, die man durch den After in die Gedärme macht, erst seit dem Auftauchen der Jesuiten in ihrem Kaiserreiche, drum nennen es die Völker dort, wenn sie sich seiner bedienen, das Heilmittel der Barbaren.
Als die Jesuiten sahen, daß das unedle Wort Lavement das Klistier abgelöst hatte, gewannen sie den Abt von Saint Cyran und setzten ihren Einfluß auf Ludwig XIV. daran, um durchzusetzen, daß das Wort Lavement auf die Liste der unanständigen Ausdrücke gesetzt würde, so daß der Abt von Saint Cyran sie beim Pater Gargasse tadelte, den man die Helena des Kriegs zwischen Jesuiten und Jansenisten nannte. „Ich aber“, sagte der Pater Gargasse, „verstehe unter Lavement nur Gurgeln: die Apotheker sind’s, die dem Worte die unschickliche Bedeutung gegeben haben!“ Man ersetzte also das Wort Lavement durch Heilmittel. Da Heilmittel zweideutig ist, erschien es als anständiger; und das ist so ganz unsere Schicklichkeitsart[105)]. Ludwig XIV. gewährte dem Pater le Tellier diese Gnade. Der Fürst forderte keine Lavements mehr, er forderte sein Heilmittel. Und die Akademie bekam den Auftrag, dies Wort mit seiner neuen Bedeutung in ihr Wörterbuch zu setzen . . . Ein würdiger Gegenstand für eine Hofkabale!
Allem Anscheine nach wurde die schimpfliche, Harnröhrenentzündung genannte, Krankheit das Jesuitenbarometer im Vaterlande des Confucius. Wie es heißt, war diese Krankheit, die sich im Jesuitenorden von Pater auf Pater fortpflanzte, nichts anderes als das, von dem die Schrift sagt: und der Herr schlug die aus der Stadt und vom Lande in den After[106)]. Zur Heilung dieser Krankheit haben die Jesuiten eine Messe in einem zu Ehren des heiligen Hiob gedruckten Meßbuche. Nichts gibt es, was mit ihrer Moral nicht in Einklang zu bringen wäre; denn es ist gewiß, daß ihre Kasuistiker den Mut aufbringen, der Gefahr der Harnröhrenentzündung zu trotzen, geschweige denn sich ihr auszusetzen, wenn sie des Glaubens sind, daß das Werk Gottes dabei beteiligt sein könnte. Man liest in der Sammlung des Jesuitenpaters Anufin ein merkwürdiges Geschehnis, das einem ihrer Novizen sich ereignete, der sich mit einem jungen Manne erlustierte und inmitten seiner lebhaften Unterhaltung von einem Confrater überrascht wurde. Dieser hatte die Klugheit besessen, durchs Schlüsselloch zu beobachten und sich still zu verhalten. Als aber die Geschichte zu Ende und der Novize fortgegangen war, sagte er zu seinem Kameraden: „Unglücklicher, was hast du eben gemacht? Ich habe alles gesehen; du verdientest, daß ich dich anzeigte; noch ganz entflammt bist du von der Üppigkeit . . . du kannst dein Vergehen nicht ableugnen!“ — „Ach, mein lieber Freund,“ antwortete der Schuldige mit einem festen und heftigen Tone, „wißt Ihr denn nicht, daß der ein Jude ist? Ich will ihn bekehren oder er soll Jesu Christi Feind bleiben. Habe ich nicht, wenn ich dieses oder jenes annehme, alle Ursache ihn zu verführen, entweder um ihn zu retten oder um ihn noch schuldbeladener zu machen?“ Bei diesen Worten wirft sich der Novize, der ihn beobachtet hatte, überzeugt, besiegt, von Bewunderung durchdrungen, vor ihm nieder, küßt seinem Confrater die Füße und macht seinen Bericht. Und der handelnde Novize wurde unter die in den Werken des Allmächtigen Wirkenden einregistriert.
Die Linguanmanie
Wenn man alle Leidenschaften des Menschen auf ihre anfänglichen Neigungen zurückführte, alle ihre Idiome auf ihre Muttergedanken, wenn ich so sagen darf, indem man diese alle der Schattierungen, die sie entstellt haben, und jene all der Bedeutungen beraubte, mit denen ihre Symptome überladen worden sind, würden die Wörterbücher weniger umfangreich und die Gesellschaften minder verderbt sein.
Wie viel hat nicht zum Exempel die Einbildung den Kanevas der Natur mit Liebe bestickt? Wenn ihre Kräfte sich damit zufrieden gegeben hätten, die moralischen Illusionen zu verschönern, würden wir uns dazu beglückwünschen. Aber es gibt sehr viel mehr liederliche Einbildungen als gefühlvolle Einbildungen, und darum gibt’s unter den Menschen mehr Ausschweifung als Zärtlichkeit, darum hat man jetzt eine Masse Beiworte nötig, um alle Schattierungen eines Gefühls auszudrücken, das lau oder heiß, lasterhaft oder heroisch, edelmütig oder strafbar nach allem aber nie die mehr oder minder lebhafte Neigung eines Geschlechts zum anderen ist oder sein wird. Schamlosigkeit, Geilheit, Unzucht, Liederlichkeit, erotische Melancholie sind sehr verschiedene Eigenschaften und doch im Grunde nur mehr oder minder scharfe Schattierungen der gleichen Empfindungen. Geilheit und Unzucht zum Beispiel sind durchaus natürliche Fähigkeiten zur Lust, denn mehrere Tierarten sind geil und unzüchtig; unkeusche aber gibt es nicht. Unkeusche Gesinnung ist unzertrennlich von der vernunftbegabten Natur und nicht vom natürlichen Hang wie die Unzucht. Unkeusche Gesinnung drückt sich durch die Augen, in der Haltung, in den Gesten, in den Reden aus; sie kündigt ein sehr hitziges Temperament an, ohne daß die beweisende Tatsache ganz gewiß ist, sie verspricht aber viel Vergnügen an der Lust und hält ihr Versprechen, weil die Einbildung der wirkliche Herd der Lust ist, die der Mensch durch Studium und Verfeinerung der Wonnen variiert, verlängert und ausgedehnt hat.
Schließlich aber wollen diese und andere derartige Benennungen nichts weiter als einen Heißhunger anzeigen, der dazu verführt, ohne Maßen und ohne die Zurückhaltung, die vielleicht dem größeren Teile der menschlichen Institution natürlicher ist, als man annimmt, zu genießen, zu suchen; ohne die Zurückhaltung, die man Scham nennt, die verschiedensten, die geschicktesten und die sichersten Mittel zu suchen, sage ich, den Feuern, die einen verbrennen, deren Glut aber so verführerisch ist, daß man sie, nachdem man sie gelöscht hat, wieder herausfordert, genugzutun und auszulöschen.
Dieser Zustand hängt einzig und allein von der Natur und von unserer Leibesbeschaffenheit ab. Er ist der Hunger, das Bedürfnisgefühl, Nahrung zu sich zu nehmen, das durch ein Übermaß von Sinnlichkeit zur Gefräßigkeit führt, und durch die allzu lange Beraubung der Befriedigungsmittel in Wut ausartet. Das Verlangen nach Lust, das ein ebenso natürliches Bedürfnis ist, obwohl es weniger oft und gemäß der Verschiedenheit der Temperamente mehr oder weniger hitzig sich einstellt, steigert sich manchmal bis zum Wahnsinn, bis zu den größten physischen und moralischen Ausschweifungen, die alle nach dem Genusse des Objekts streben, durch das die glühende Leidenschaft, von der man erregt ist, vielleicht gestillt wird.
Dies verschlingende Fieber heißt bei den Weibern Nymphomanie[107)], bei den Männern würde man es, wenn sie ihm ebenso unterworfen wären, wie jene, Mentulomanie nennen, doch leistet ihre Bildung dagegen Widerstand, und mehr noch ihre Sitten, die, weniger Zurückhaltung und Zwang heischend, und die Scham nur nach der Zahl der Verfeinerungen rechnend, mit denen die menschliche Geschicklichkeit die Reize der Natur zu verschönern oder abzuschattieren verstanden hat, sie weniger den Verheerungen der allzu zurückgeschraubten oder allzu gesteigerten Wünsche aussetzen. Da übrigens unsere Organe viel empfänglicher für augenblickliche Regungen als die des anderen Geschlechts sind, kann die Intensität der Begierden selten ebenso gefährlich sein, wiewohl die Männer ebensogut wie die Weiber an Krankheiten leiden, die einer beinahe ähnlichen Ursache entspringen[108)], von denen aber eine männliche Leibesbeschaffenheit, die leichter schlaff wird, nicht ebenso lange heimgesucht zu werden braucht.
Trostlos würde es sein, scheußlich würde es sein, wollte man die so wunderlichen Wirkungen der Nymphomanie aufzählen. Vielleicht trägt die Unregelmäßigkeit der Einbildungskraft sehr viel mehr zu ihr bei als die venerische Energie, die das Subjekt, das von ihr befallen worden ist, von Natur aus mitbekommen hat. Tatsächlich ist der Kitzel der Vulva durchaus nicht Nymphomanie. Der Kitzel kann wahrlich eine Empfänglichkeit für diese Manie sein, man braucht darum aber nicht gleich zu glauben, daß sie ihm stets folgen müßte. Er reizt, er zwingt, mit den Fingern an die erregten Kanäle zu fassen, sie zu reiben, um sich Linderung zu verschaffen, wie man es bei allen Körperteilen tut, die man in derselben Absicht anfaßt, um die Ursachen des Reizes zu heben. Wie lebhaft und erwünscht dieses Kitzeln, diese Berührungen auch sein mögen, man nimmt sie wenigstens ohne Zeugen vor. Die dagegen, welche die Nymphomanie hervorruft, trotzen den Zuschauern und Umständen. Daraus geht hervor, daß der Kitzel sich nur in der Vulva festsetzt, während die unsinnige Manie der Sinnenlust ihren Sitz im Gehirn hat. Die Vulva jedoch überliefert ihm außerdem den Eindruck, den es mit Abänderungen empfängt, die geeignet sind, die Seele mit einer Menge unzüchtiger Gedanken zu durchtränken. Dort nährt sich das Feuer selber; denn die Vulva ist ihrerseits unabhängig von dem Einfluß der wollustgierigen Seele, von jedem Gefühlseindruck angegriffen und wirkt auf das Gehirn zurück. So wird die Seele immer tiefer von unzüchtigen Sensationen und Gedanken durchdrungen, die, da jene nicht allzu lange bestehen können, ohne sie zu ermatten, ihren Willen bestimmt, der Unruhe nachzugeben, die sich an die Verlängerung jedes allzu lebhaften Gefühls heftet und alle erdenklichen Mittel anzuwenden, um zu diesem Ziele zu gelangen.