Es ist unglaublich, wie sehr die durch die Leidenschaft geschärfte menschliche Geschlechtlichkeit die Mittel des Vergnügengewährens oder vielmehr das Verhalten beim Vergnügen variiert hat. Denn es ist stets das gleiche, und wir haben gut kämpfen gegen die Natur, über ihr Ziel werden wir nimmer hinausgehen. Sie scheint in Wahrheit viele Reizmittel zu ihrer Verlängerung[109)] verteilt zu haben, sicher ist es aber, daß die Gehirnfasern sich unabhängig von irgendeiner unmittelbaren Einwirkung der Natur ausdehnen. Alles, was die Einbildungskraft erhitzt, reizt die Sinne oder vielmehr den Willen, dem die Sinne sehr häufig nicht mehr genügen, und die werden mindestens ebenso stark von ihm unterstützt, da die Einbildungskraft niemals ohne das lebhafteste, glühendste Temperament, die am besten gestimmten Sinne, die besten Hilfen des Alters und der Umstände bestehen kann.

Da es weiter das Eigentümliche aller Leidenschaften der Seele ist, mit Rücksicht auf den Widerstand so hitzig wie möglich zu werden und die Nymphomanie nicht leicht zu befriedigen ist, so wird sie schließlich unersättlich. Weiber, die von ihr befallen sind, kennen kein Maß mehr; und das für einen schwachen Widerstand so schön geschaffene Geschlecht, das mit allem Entzücken der furchtsamen Scham prunkt, entehrt in dieser scheußlichen Krankheit seine Reize durch die schmutzigste Prostitution. Es fordert heraus, sucht auf, greift an; die Begierden stacheln sich an durch das, was anscheinend hinreichen müßte, um sie zu ersticken, und das tatsächlich genügen müßte, wenn der einfache Kitzel der Vulva den Genuß erregte. Wenn aber das Gehirn der Herd des Verlangens ist, so steigert es sich unaufhörlich; und die mehr ermattete als gesättigte Messalina[110)] jagt ohne anzuhalten der Lust und der Liebe nach, die sie mit Abscheu flieht.

Indessen muß man das zugeben: Die Beobachtung hat uns einige Phänomene in dieser Art gezeigt, die das einfache Werk der Natur zu sein scheinen. Herr von Buffon hat ein junges Mädchen von zwölf Jahren gesehen, sie war dunkelbraun, hatte eine lebhafte und gesunde Gesichtsfarbe, war von kleiner, aber ziemlich fetter Figur, war bereits ausgewachsen und mit einem hübschen Busen geschmückt, die einzig beim Anblick eines Mannes die unanständigsten Handlungen vornahm. Die Gegenwart der Eltern, deren Vorwürfe, die strengsten Züchtigungen, nichts hielt sie davon zurück. Sie verlor indessen die Vernunft nicht, und ihre scheußlichen Anwandlungen hörten auf, wenn sie mit Frauen zusammen war. Kann man annehmen, daß dieses Kind seinen Instinkt bereits mißbraucht hatte?

Gewöhnlich haben braune Mädchen von guter Gesundheit und kräftiger Leibesbeschaffenheit, die jungfräulich sind, und vor allem die, welche durch Verhältnisse anscheinend dazu bestimmt sind, es ewig zu bleiben, junge Witwen, Weiber, die wenig kräftige Männer haben, die meiste Anlage zur Nymphomanie. Und das allein würde beweisen, daß der Hauptherd dieser Krankheit in einer allzu geschärften, allzu gebieterischen Einbildungskraft ruht, daß aber auch die widernatürliche Untätigkeit der mit Kraft und Jugend versehenen Sinne eine ihrer hauptsächlichen Triebfedern ist. Billig ist es also, daß jedes Individuum seinen Instinkt befragt, dessen Antrieb stets zuverlässig ist. Wer immer darauf bedacht ist, seinesgleichen zu zeugen, hat entschieden das Recht es zu tun. Der Schrei der Natur ist die allgemeine Gebieterin, deren Gesetze zweifellos mehr Achtung verdienen, als alle die künstlichen Ideen von Ordnung, Regelmäßigkeit und Prinzipien, mit denen uns unsere tyrannischen Grillen auszeichnen, und denen man sich unmöglich sklavisch unterordnen kann, die nur unglückliche Opfer oder widrige Heuchler schaffen und nichts weiter für die Moral wie für die Physis regeln, als die Widersprüche der Natur jemals befehlen können. Die physischen Gewohnheiten üben eine sehr dingliche, sehr despotische und oft sehr furchtbare Macht aus und setzen einen öfters grausamen Übeln aus, statt daß sie einen gegen sie wappnen. Die menschliche Maschine darf nicht besser arbeiten als das sie umgebende Element, sie darf wirken, sich gar ermüden, sich ausruhen, untätig sein, je nachdem das Kräftegefühl es bestimmt. Es würde eine sehr abgeschmackte und sehr lächerliche Forderung sein, das Gesetz der Gleichheit befolgen und stets vor derselben Schüssel sitzen zu sollen, während alle Wesen, mit denen man in inniger Berührung steht, in ständigem Wechsel leben. Veränderung ist notwendig, und wäre es nur, um uns auf die heftigen Stöße vorzubereiten, die manchmal die Grundmauern unseres Seins erschüttern. Unsere Körper sind wie die Pflanzen, deren Stengel sich inmitten der Stürme durch das Rütteln widriger Winde kräftigt.

Leibesbewegung, eine gut ausgedachte Gymnastik würde zweifelsohne das wirksamste Mittel gegen die gefahrvollen Folgen eines untätigen Lebens sein; dies Mittel jedoch wird nicht in gleicher Weise von beiden Geschlechtern angewandt. Die Reitkunst zum Exempel scheint nicht sehr geeignet für die Frauen, die sie nur unter Gefahr oder unter Vorsichtsmaßregeln ausüben können, die die Übung beinahe unzweckmäßig machen. Es ist so wahr, daß die Natur sie nicht für diese Leibesübung bestimmt hat, daß sie dabei bloß die Reize zu verlieren scheinen, die ihnen zu eigen sind, ohne die des Geschlechtes zu gewinnen, das sie nachahmen wollen.

Der Tanz scheint mit der den Frauen eigentümlichen Anmut vereinbar, die Weise aber, in der sie sich ihm hingeben, ist oft mehr geeignet, die Organe zu entnerven als zu kräftigen. Die Alten, welche sich auf die große Kunst verstanden, die Sinnenfreude in den Dienst des Körpers zu stellen, haben aus der Tanzkunst einen Teil ihrer Gymnastik gemacht: sie wandten die Musik an, um die Bewegungen der Seele zu beruhigen oder zu lenken. Sie verschönten das Nützliche und machten die Wollust ersprießlich.

Doch wenn beim Entstehen politischer Körperschaften die Vergnügungen der Strenge der Einrichtungen unterstellt wurden, aus denen diese Körperschaften ihre Macht zogen, entarteten sie sehr schnell mit den Sitten[111)]. Und wenn die Alten sich zuerst damit befaßten, alles zusammenzusuchen, was die Kräfte mehren und die Gesundheit bewahren konnte, so verfielen sie nur darauf, die Freuden zu erleichtern und auszudehnen zu suchen; und hier hat man nochmals Gelegenheit zu bemerken, wie sehr wir sie preisen, um uns selber zu verleumden. Welche Parallele läßt sich zwischen unseren Sitten und der Skizze ziehen, die ich eben hinwerfe?

Wenn ein Weib eine halbe Stunde Coricobole gespielt hatte, trockneten entweder Mädchen oder Knaben, je nach Geschmack der Spielerin, sie mit Schwanenpelz ab. Diese jungen Leute hießen Jatraliptae. Die Unctores schütteten darauf Essenzen über sie. Die Fricatores reinigten die Haut. Die Alipari zupften die Haare aus. Die Dropacistae bearbeiteten die Körper und brachten die Schwielen fort. Die Paratiltriae waren kleine Kinder, die alle Leibesöffnungen, Ohren, Anus, Vulva usw. säuberten. Die Picatrices waren junge Mädchen, die dafür zu sorgen hatten, alle die Haare, welche die Natur über den Körper verstreut hat, auszuzupfen, um ihr Wachstum zu verhindern, das dem Eindringen entgegensteht. Die Tractatrices endlich kneteten wollüstig alle Gelenke, um sie geschmeidiger zu machen. Eine so vorbereitete Frau bedeckte sich mit einem jener Schleier, die laut dem Ausdruck eines Alten einem gewebten Lufthauche glichen und den vollen Glanz der Schönheit durchschimmern ließen. Sie schritt ins Gemach der Wohlgerüche, wo sie sich beim Klang der Instrumente, die eine andere Art Wollust in ihre Seele gossen, dem Überschwange der Liebe hingab. Erstrecken sich bei uns die Verfeinerungen des Genusses bis zu diesem Übermaße von Gesuchtheiten[112)]?

Zum Beweis unserer Harmlosigkeit in Sachen der Ausschweifung wäre es möglich, durch Anführung alter Schriftsteller eine Unzahl von Stellen anzubringen, die unsere leidenschaftlichsten Satyre in Erstaunen setzen würden. Wir haben schon in einem Stück dieser Ausführungen im Abriß gezeigt, auf welche Ausschweifungen sich das Volk Gottes verstand[113)]. Erasmus hat in griechischen und römischen Autoren eine Menge Anekdoten und Sprichwörter gesammelt, die Dinge vermuten lassen, vor denen die kühnste Einbildung sich erschreckt. Ich will einige von ihnen anführen.

Wir haben zum Beispiel keine üblen Orte, die uns eine Idee von dem geben könnten, was man in Samos das Parterre der Natur nannte. Es waren öffentliche Häuser, wo sich Männer und Weiber durcheinander allen Arten von Ausschweifungen überließen: denn das würde prostituieren heißen, das Wort der Wollust, das sich hier anwenden ließe. Beide Geschlechter boten hier Modelle der Schönheit an, und daher kommt der Name: Parterre der Natur[114)]. Die Alten wandten die Reste ihrer Geilheit noch an anderen Orten nützlich an. Sie waren derartig schamlos, daß man sie mit Tieren verglich, die den Geruch, die Hitze und die Geilheit der Ziegenböcke besaßen[115)].