Marie Schürmann hat das Problem bearbeitet: Eignet sich das Literaturstudium für das Weib?
Die Schürmann beantwortet es mit einem Ja, will, daß das Weib keine Wissenschaft, selbst die Theologie nicht, ausschließt, und fordert, daß das schöne Geschlecht sich der universellen Wissenschaft widmen müsse, weil das Studium eine Gelehrsamkeit verleihe, welche man nicht durch die gefährliche Hilfe der Erfahrung erwerben könne, und selbst wenn dabei etwas Unberührtheit verloren gehe, würde es recht sein, über gewisse Zurückhaltungen hinwegzukommen zugunsten dieser frühreifen Klugheit, die außerdem von dem Studium befruchtet würde, dessen Überlegungen lasterhafte Gedanken abschwächten und ablehnten und die Gefahr der Gelegenheiten verringerte.
Die Frauenerziehung ist bei allen Völkern, selbst bei denen, die für die gebildeten durchgehen, so vernachlässigt worden, daß es sehr erstaunlich ist, wenn man trotzdem ihrer eine so große Zahl, die durch ihre Gelehrsamkeit und ihre Werke berühmt sind, kennt. Seit Boccaccios Buche von den berühmten Frauen bis zu den dicken Quartwälzern des Mönchs Hilerion Coste, haben wir eine große Zahl Namenregister von dieser Art; und Wolf hat uns einen Katalog der berühmten Frauen geschenkt, im Anhange der Fragmente hervorragender Griechinnen, die in Prosa geschrieben haben[13)]. Juden, Griechen, Römer und alle Völker des modernen Europas haben berühmte Frauen gehabt.
Es ist daher erstaunlich, daß bei der angeblichen Übereinstimmung der Vortrefflichkeit des Mannes und des Weibes verschiedene Vorurteile der Vervollkommnungsfähigkeit der Frauen gegenüber entstanden sind. Je mehr man diese so ungewöhnliche (denn das ist sie doch so unendlich, weil der Gegenstand der Anbetung der Männer durchaus ihre Sklavin sein soll) Sache erforscht, desto klarer wird es einem, daß sie sich hauptsächlich auf das Recht des Stärkeren, den Einfluß der politischen Systeme und besonders auf den der Religionen stützt, denn das Christentum ist die einzige, die dem Weibe in genauer und klarer Weise alle Rechte der Gleichheit einräumt.
Ich habe keine Lust, die Erörterungen wieder aufzunehmen, die Pozzo in seinem Werke „Das Weib besser als der Mann“ wenig galant „Paradoxe“ genannt hat. Doch ist es so natürlich, daß man, wenn man den Wert dieser Himmelsgabe, die man die Schönheit nennt, überlegt, sich dieses lebhafte und rührende Bild so tief einprägt, daß man bald begeistert wird; und wenn man dann die heiligen Bücher liest, ist man nicht weiter erstaunt, daß das Weib die Ergänzung der Werke Gottes ist, welches er erst nach allem, was da ist, erschaffen hat, wie wenn er hätte anzeigen wollen, daß er sein erhabenes Werk durch das Meisterwerk der Schöpfung beschließe. Von diesem vielleicht religiöseren als philosophischen Gesichtspunkt aus will ich das Weib betrachten.
Nicht in Hitze ist das Weltall erschaffen worden. Es ist in mehreren Malen geschehen, damit seine wunderbare Gesamtheit bewiese, daß, wenn der alleinige Wille des höchsten Wesens Vorbild ist, er der Herr des Stoffs, der Zeit, des Handelns und der Untersuchung war. Der ewige Geometer handelt ohne Notwendigkeit wie ohne Bedürfnis; er ist niemals weder beengt noch behindert gewesen. Man sieht, wie er während der sechs Zeitspannen der Schöpfung die Materie ohne Mühe, ohne Anstrengung formt, gestaltet, bewegt, und wenn eine Sache von der anderen abhängt, wenn zum Beispiel das Entstehen und Gedeihen der Pflanzen von der Sonnenwärme abhängt, es nur geschieht, um den Zusammenhang aller Teile des Weltalls anzuzeigen und seine Weisheit durch diese wunderbare Verkettung zu enthüllen.
Alles jedoch, was die Bibel von der Schöpfung des Weltalls kündet, ist nichts im Vergleich mit dem, was sie über die Erschaffung des ersten vernunftbegabten Wesens sagt. Bis dahin ist alles auf Befehl geschehen; als es sich aber darum handelte, den Menschen zu schaffen, wechselt das System und die Sprache mit ihm. Da gibt’s nicht mehr das gebieterische und plötzliche, da ertönt ein abgewogenes und süßeres, obwohl nicht minder kräftiges Wort. Gott hält mit sich selbst Rat, wie um sehen zu lassen, daß er ein Werk hervorbringen will, welches alles überbieten soll, was er bis dahin ins Leben erweckt hat. „Laßt uns den Menschen machen“, sagt er. Es ist klar, daß Gott mit sich selbst spricht. Es ist ein Unerhörtes in der ganzen Bibel, kein anderer wie Gott hat von sich selber in der Mehrheit gesprochen: „Laßt uns machen.“ In der ganzen Schrift spricht Gott nur zwei- oder dreimal so, und diese außergewöhnliche Sprache hebt nur an sich kundzutun, als es sich um den Menschen handelt.
Nach dieser Erschaffung verstreicht eine beträchtliche Zeit, bevor das neue doppelgeschlechtliche Wesen den Lebensodem empfängt; erst in der siebenten Zeitspanne geschieht’s. Adam hat lange in dem Zustande lauterer Natur existiert und besaß nur den Instinkt der Tiere. Als aber der Atem ihm eingeflößt worden war, sah sich Adam als den König der Erde, er machte sich seine Vernunft zunutze „und er gab allen Dingen einen Namen“.
Es sind also zwei verschiedene Schöpfungen; die des Menschen, die seines Geistes; und einzig hier erscheint das Weib. Sie ist nicht aus dem Nichts erschaffen, wie alles, was vorhergeht; sie entsteht aus dem Vollkommensten, was vorhanden ist. Es blieb nichts mehr zu schaffen. Gott zog aus Adam die höchste Reinheit seines Wesens heraus, um die Welt mit dem vollkommensten Wesen zu verschönen, das noch erschienen ist, mit dem er das göttliche Werk der Schöpfung vervollständigte.
Das Wort, dessen sich der hebräische Gesetzgeber bedient, um dies Wesen zu bezeichnen, erscheint noch einmal in virago[14)] wieder, das sich im Französischen nicht übersetzen läßt, das das Wort Frau nicht wiedergibt, und das sich nur durch die Idee der männlichen Fähigkeit empfinden läßt. Denn vir heißt Mann, und ago ich handle. Früher sagte man vira[15)] und nicht virago. Die Septuaginta aber erklärt, daß sich der Sinn des Hebräischen durch das Wort vira nicht wiedergeben ließe, sie hat ago[16)] hinzugefügt.