Es erstaunt mich daher nicht, daß die Schürmann die Beschaffenheit des schönen Geschlechts so sehr herausstreicht und sich gegen die Sekten entrüstet, die es herabsetzen. Das Gleichnis, dessen sich die Schrift bedient, indem sie das Weib aus Adams Rippe formt, will nichts anderes dartun, als daß dies neue Geschöpf nur eins sein soll mit der Person seines Gatten, dessen Seele und Alles sie ist. Nur die Tyrannei des stärkeren Geschlechts hat die Gleichheitsbegriffe verändern können.

Im Heidentume wurden diese Begriffe durchaus unterschieden, da die Alten beide Geschlechter mit der Gottheit verbanden: das ist ohne Rücksicht auf das ganze System in der Mythologie genau dargetan worden. Wenn die Heiden den Menschen vom Augenblicke seiner Geburt an unter den Schutz der Macht, des Glückes, der Liebe und Notwendigkeit stellten, denn das wollen Dynamis, Tyche, Eros und Ananke besagen, so war das wahrscheinlich nur eine sinnreiche Allegorie, um unsere Stellung zu erklären, denn wir verbringen unser Leben mit Befehlen, Gehorchen, mit Wünschen und mit Nachstreben. In anderem Falle hätte es bedeutet, den Menschen recht ausschweifenden Führern anzuvertrauen, denn die Macht ist die Mutter der Ungerechtigkeiten, das Glück die der Launen; die Notwendigkeit bringt Freveltaten hervor und die Liebe steht selten in Übereinstimmung mit der Vernunft.

Wie verhüllt auch die Dogmen des Heidentums sein mögen, keine Zweifel bestehen über die Wirklichkeit des Kults der Hauptgottheiten; und der der Juno, der Frau und Schwester des Götterobersten, war einer der allgemeinsten und geschätztesten. Das Epitheton Weib und Schwester zeigt ihre Allmacht zur Genüge: wer die Gesetze gibt, kann sie übertreten. Das berühmte und nicht minder bequeme geheime Mittel, seine Jungfernschaft wiederzugewinnen, indem man sich in der Quelle Canathus auf dem Peloponnes badete, war einer der schlagendsten Beweise von dieser Macht, die alles bei den Göttern wie bei den Menschen rechtfertigt. Das Bild von der Rachsucht der Juno, unaufhörlich auf den Theatern dargestellt, verbreitete den Schrecken, den diese furchtbare Göttin einflößte. Europa, Asien, Afrika, zivilisierte wie barbarische[17)] Völker verehrten und fürchteten sie um die Wette. Man sah in ihr eine ehrsüchtige, stolze, eifersüchtige Königin, welche die Weltherrschaft mit ihrem Gatten teilte, all seinen Beratungen beiwohnend und von ihm selber gefürchtet.

Eine so allgemeine demütige Verehrung, die zweifelsohne nichts mit der sehr viel schmeichelhafteren zu tun hat, die man der Schönheit darbrachte, die geschaffen war, zu verführen und nicht zu erschrecken, beweist zum wenigsten, daß in den Gedanken der ersten Menschen der Weltenthron von beiden Geschlechtern geteilt wurde[18)]. Ein berühmter Schriftsteller des verflossenen Jahrhunderts ist noch weiter gegangen; es hat ihm keine Schwierigkeit bereitet zu sagen, dieser Vorrang der Juno vor den anderen Göttern war die wirkliche Macht, aus der die übermäßige Verehrung der heiligen Jungfrau hervorging, auf die die Christen verfallen sind. Erasmus selber hat behauptet, daß der Brauch, die Jungfrau nach Predigtbeginn auf der Kanzel zu grüßen, von den Alten herrühre[19)]. Gewöhnlich suchen die Menschen mit den geistigen Ideen des Kults sinnliche Ideen zu verbinden, die sie rühren und bald hernach erstere unterdrücken. Sie beziehen, und sind wohl gezwungen, alles auf ihre Ideen zu beziehen. Nun wissen sie, daß man aus der Niedrigkeit wie aus dem Wohlwollen der Könige nichts anderes gewinnt, als was deren Minister beschlossen haben; sie halten Gott für gut, aber hinhaltend und bilden sich nach den irdischen Höfen den Himmelshof. Danach ist der Kult der Jungfrau leichter zu fassen für den Menschenverstand als der des Allmächtigen, der ebenso unerklärlich wie unfaßbar ist.

Sobald das Volk von Ephesus erfahren hatte, daß die Väter des Konzils entschieden hätten, daß man die Jungfrau die Heilige nennen durfte, gerieten sie vor Freude außer sich. Seitdem hat man der Mutter Gottes einzige Verehrungen gezollt; alle Almosen fließen ihr zu, und Jesus Christus bekommt keine Opfergaben mehr. Diese Inbrunst hat niemals völlig aufgehört. Es gibt in Frankreich dreiunddreißig Kathedralen und drei erzbischöfliche Kirchen, die der Jungfrau geweiht sind. Ludwig der Dreizehnte weihte ihr seine Person, seine Familie und sein Königreich. Bei der Geburt Ludwigs des Vierzehnten sandte er das Gewicht des Kindes in Gold an Unsere Frau von Loretto, die, wie man ohne gottlos zu sein, glauben darf, sich sehr wenig in Anna von Österreichs Schwangerschaft hineingemischt hat.

Noch ungewöhnlicher als all das ist, daß man im zweiten Jahrhundert der Kirche dem heiligen Geiste weibliches Geschlecht gegeben hat. Tatsächlich ist ruats tuach, was auf Hebräisch Geist heißt, weiblichen Geschlechts, und die, welche dieser Meinung waren, nannten sich Eliesaiten.

Ohne dieser unrichtigen Meinung irgendwelchen Wert beizumessen, muß ich bemerken, daß die Juden keine Begriffe von dem Mysterium der Dreieinigkeit gehabt haben. Selbst die Apostel sind von dem Dogma der Einheit Gottes ohne Abänderungen fest überzeugt gewesen; nur in den letzten Augenblicken hat Jesus Christus dies Mysterium offenbart. Wenn nun Gott eine der drei Personen der Dreieinigkeit auf die Erde schicken wollte, konnte er sie senden, ohne sie in Fleisch und Blut zu verwandeln; er konnte die Person des Vaters oder des heiligen Geistes wie des Sohnes senden; er konnte sie in einem Manne wie in einem Weibe Mensch werden lassen. Die göttliche Wahl traf eine Art Aufmerksamkeit oder Vorzug für das Weib. Jesus Christus hat eine Mutter gehabt, er hat keinen Vater gehabt. Die erste Person, mit welcher er sprach, war die Samaritanerin, die erste, der er sich nach seiner Wiederauferstehung zeigte, war Maria Magdalena usw. Kurz, der Heiland hat stets eine für ihr Geschlecht sehr ehrenvolle Vorliebe für die Frauen gehabt.

Eine wahrhaft schmeichelhafte Huldigung aber für ihn, eine wahrhaft segensreiche Erfindung für die menschliche Gesellschaft würde es sein, wenn man die geeigneten Mittel fände, der Schönheit den Lohn der Tugend zu verleihen, sie selber dazu anzufeuern, auf daß alle Menschen angespornt würden, ihren Brüdern Gutes zu tun, sowohl durch die Freuden der Seele, als auch durch die der Sinne, damit alle Fähigkeiten, mit denen das höchste Wesen unsere Art begabt hat, wetteiferten, uns gerechte und wohltätige Gesetze lieben zu lassen. Unmöglich ist es nicht, dies vom Patriotismus, der Weisheit und der Vernunft so lebhaft ersehnte Ziel eines Tages zu erreichen; aber, ach Gott, wie weit sind wir noch davon entfernt!

Die Tropoide

Die Verderbnis der Sitten, die Bestechlichkeit des menschlichen Herzens, die Verirrungen des Menschengeistes sind von unseren Sittenrichtern derartig abgedroschene Gegenstände der Behandlung, daß man meinen sollte, das augenblickliche Jahrhundert sei ein Greuel der Verwüstung, denn die französische Sprache besitzt keinen noch so kräftigen Ausdruck, dessen sich Nörgler nicht bedienten. Wenn man indessen einen flüchtigen Blick auf die vergangenen Jahrhunderte tun will, auf eben die, welche man uns als Beispiele anpreist, so wird man, daran zweifle ich nicht, viel Beklagenswertes finden. Unsere Aufführung und unsere Sitten zum Beispiel taugen mehr als die des Volkes Gottes. Ich weiß nicht, was unsere Salbaderer sagen würden, wenn sie unter uns eine so schmutzige Verderbtheit sähen, wie die, welche mit dem schönen Jahrhundert der Patriarchen in Einklang steht.