Ich sage nichts darwider, daß Moses Gesetze weise, billig, wohltätig gewesen seien, aber diese an der Stiftshütte angebrachten Gesetze, deren Zweck es anscheinend gewesen ist, den Bund der Hebräer unter sich durch den Bund der Menschen mit Gott zu verknüpfen, beweisen unwiderleglich, daß dies auserwählte, geliebte und bevorzugte Volk sehr viel bresthafter als jedes andere gewesen ist, wie wir in der Folge dieses Aufsatzes beweisen wollen.

Man denkt nicht genug daran, daß alles relativ ist. Keine Gründung kann gemäß dem Geiste ihrer Einrichtung geführt werden, wenn er nicht nach dem Gesetz der Schuldigkeit gelenkt wird, das nichts anderes wie das Gefühl dieser Schuldigkeit ist. Die wirkliche Kraft der Autorität ruht in der Meinung und im Herzen des Untertanen, woraus folgt, daß für die Handhabung der Herrschaft nichts die Sitten ergänzen kann: es gibt nur gute Leute, die die Gesetze handhaben können, aber es gibt nur ehrliche Leute, die ihnen wahrhaft zu gehorchen wissen. Denn außer, daß es sehr leicht ist, ihnen auszuweichen, außer daß die, deren einziges Gewissen sie bilden, der Tugend und selbst der Billigkeit recht fernstehen, weiß der, der Gewissensbissen trotzt, auch den Strafen Trotz zu bieten, die eine sehr viel weniger lange Züchtigung als erstere sind, denen zu entgehen man ja auch immer hoffen kann. Wenn aber die Hoffnung auf Straflosigkeit zur Anfeuerung zu Gesetzesübertretungen genügt, oder wenn man zufrieden ist, wofern man es nur übertreten hat, ist das Hauptinteresse nicht mehr persönlich und alle einzelnen Interessen vereinigen sich gegen es: dann haben die Leiter unendlich viel mehr Macht, die Gesetze zu schwächen, als die Gesetze, die Laster zu unterdrücken. Und es endigt damit, daß man dem Gesetzgeber nur noch scheinbar gehorcht. Zu dem Zeitpunkte sind die besten Gesetze die unseligsten, da sie nicht mehr vorhanden sind, sie würden eine Zuflucht sein, wenn man sie noch befolgte. Ein schwacher Schutz indessen! Denn die vermehrten Gesetze sind die verachteteren, und neue Aufseher werden ebenso viele neue Übertreter.

Der Einfluß der Gesetze steht daher stets im Verhältnis zu dem der Sitten, das ist eine bekannte und unwiderlegbare Wahrheit, das Wort Sitten aber ist recht unbegrenzt und verlangt nach einer Erklärung.

Sitten sind und müssen in der einen Gegend ganz anders als in der anderen, und bezugnehmend auf den Nationalgeist und die Natur der Herrschaft sein. Der Charakter der Verweser hat auch großen Einfluß auf sie, und auf all diese Beziehungen Rücksicht nehmend, muß man sie betrachten. Wenn der Preis der Tugend zum Beispiel dem Raube zuerkannt wird, wenn gemeine Menschen wohlangesehen sind, die Würde unter die Füße getreten, die Macht von ihren Austeilern herabgesetzt, die Ehren entehrt, wird die Pest sicherlich alle Tage zunehmen, das Volk seufzend schreien: „Meine Leiden rühren nur von denen her, die ich bezahle, um mich davor zu bewahren!“ und zu seiner Betäubung wird man sich in die Verderbnis stürzen, die man überall ans Licht zerren wird, um das Gemurmel zu übertönen.

Wenn dagegen die Verwahrer des Ansehens den dunklen Kunstgriff der Verderbtheit verschmähen und einen Erfolg nur von ihren Bemühungen erwarten und die öffentliche Gunst nur von ihren Erfolgen, dann werden die Sitten gut sein und einen Ersatz für das Genie des Oberhaupt es bilden; denn je mehr Spannkraft die öffentliche Meinung hat, desto weniger bedarf es der Talente. Selbst Ruhmsucht wird mehr durch Pflicht als durch widerrechtliche Besitznahme gefördert, und das Volk, überzeugt, daß seine Oberen nur für sein Glück wirken, entschädigt sie durch seinen Eifer, für die Befestigung der Macht zu arbeiten.

Ich habe gesagt, die Sitten müßten im Verhältnis zur Natur der Regierung stehen; von diesem Gesichtspunkt aus muß man sie also auch beurteilen. Tatsächlich muß in einer Republik, die nur durch Sparsamkeit bestehen kann, Einfachheit, Genügsamkeit, Nachsicht, der Geist der Ordnung, des Eigennutzes, selbst des Geizes die Oberhand haben, und der Staat muß in Fährnis geraten, wenn der Luxus die Sitten verfeinern und verderben wird.

In einer begrenzten Monarchie dagegen wird die Freiheit für ein so großes und für ein stets so bedrohtes Gut angesehen werden, daß jeder Krieg, jede zu ihrer Erhaltung, zur Verbreitung oder Verteidigung des Nationalruhmes unternommene Handlung nur wenige Widersprecher finden wird. Das Volk wird stolz, edelmütig, hartnäckig sein, und Ausschweifung und die zügelloseste Üppigkeit werden die Allgemeinheit nicht entnerven.

In einer ganz absoluten Monarchie würde der strengste und vollkommenste Despotismus herrschen, wenn das schöne Geschlecht dort nicht den Ton angäbe. Galanterie, Gefallen an allen Freuden, allen Frivolitäten ist ganz natürlich und ohne Gefahr Nationaleigenschaft, und vage Redereien über diese moralischen Unvollkommenheiten sind sinnlos.

Unter solcher Voraussetzung wollen wir im Fluge prüfen, ob unsere Sitten und einige unserer Gebräuche, nach einem Vergleiche mit denen mehrerer berühmter Völker, noch als so abscheulich erscheinen müssen[20)].

Auf den ersten Blick in den Levitikus sieht man, bis zu welchem Maße das jüdische Volk verderbt gewesen ist. Bekanntlich stammt das Wort Levitikus von Levi ab, welches der Name eines von den übrigen getrennten Stammes war, da er hauptsächlich sich dem Kult widmete. Von ihm kommen die Leviten oder Priester und das heutige Kleidungsstück her, welches diesen Namen trägt, ohne ein sehr authentisches Denkmal unserer Ehrerbietung zu sein. Moses behandelt in diesem Buche die Weihen, die Opfer, die Unreinheit des Volkes, den Kult, die Gelübde usw.