Detlev von Liliencron wurde am 3. Juni 1844 in Kiel geboren und ist am 22. Juli 1909 zu Alt-Rahlstedt gestorben. Seine Knabenjahre gingen einsam dahin. Im Garten, im Feld und Holz umherzustreifen, sich dort seinen Träumereien zu überlassen, war seine Lust. Seiner Neigung folgend wurde er Soldat und kostete das fröhliche, schneidige Leutnantsleben mit »seinen Freuden, seinen Rosentagen, seinem scharfen Pflichtgefühl« in vollen Zügen. In drei Schlachten und in fünfzig Gefechten kämpfte er, und zweimal ward er verwundet. Nachdem er seinen Abschied genommen, wurde er später Hardesvogt auf der nordfriesischen Insel Pellworm. Hier ward ihm das Meer lieb und vertraut und gab ihm Stoff zu einer Fülle seiner schönsten Gedichte und Geschichten.
Er war schon in der Mitte der Dreißiger, als er sein erstes Gedicht schrieb. »Durch Zufall veranlaßt,« sagt er selbst, doch es ist derselbe Zufall, der die Linde im Juni blühen, der den Quell nach langem, unterirdischem Lauf ans Tageslicht springen läßt. Von innigster Liebe zur Natur durchdrungen, von reicher Erfahrung des Lebens erfüllt, gibt er in seinen Gedichten die Frische der Natur, die Kraft des Lebens wieder. So wurden sie ein starker Damm gegen die saft- und kraftlose Modelyrik der achtziger Jahre.
Liliencron besitzt eine Anschauungskraft sondergleichen. Er beschreibt nicht, er schildert nicht; so wie er es im Leben gesehen, zeigt er es uns, in Licht und Luft und Farbe mit allen Einzelheiten. Das offenbart sich am klarsten in seinen »Kriegsnovellen«, der reifsten poetischen Frucht des deutsch-französischen Krieges, wie sich die machtvolle Phantasie des Dichters nirgends gewaltiger zeigt, als in seinem großen Epos »Poggfred«.
Kann man den Poggfred als das poetische Tagebuch des Dichters bezeichnen, so ist der »Mäcen« sein prosaisches. Auch darin wie in seinen Dramen, seinen Romanen: »Breide Hummelsbüttel«, »Mit dem linken Ellenbogen«, »Leben und Lüge« sowie in den kleineren Erzählungen der Sammelbände »Aus Marsch und Geest«, »Roggen und Weizen«, »Könige und Bauern« schimmert überall das Persönliche hindurch. Gewöhnlich beginnt er die Erzählung mit scheinbar Nebensächlichem, stellt Ort und Zeit und Gelegenheit mit breitester Behaglichkeit vor Augen, um darauf mit einem Sprung uns mitten in das Ereignis und in höchste Spannung zu versetzen. Dann ein Blick ins Menschenleben, ins Menschenherz – und er läßt uns allein. Aber was wir da miterlebt, zittert in uns nach; wir fühlen, daß ein Schicksal vorübergerauscht ist. Solche Gestalten wie der Staller Greggert Meinstorff, wie die schöne, blasse, stille Silk, ihr Lieben und ihr Leiden prägen sich auf immer der Seele ein. Auch in dieser kleinen Erzählung offenbart sich uns der große Dichter.
Hamburg.
J. Loewenberg.
Greggert Meinstorff.
Greggert (Gregorius) Meinstorff war zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts Staller (Vizekönig) der friesischen Inseln. Ihm stand sogar in seinem Bezirk bei zum Tode Verurteilten das Begnadigungsrecht zu, das in den andern Provinzen nur vom Könige ausgeübt wurde. Ein strenger, aber durchaus gerechter Herr, wurde er auf seinen Inseln gefürchtet und geachtet; die Liebe seiner »Untertanen« (wenn je die freien Friesen dies Wort zuließen und zulassen) hatte er nicht. Tauchte er auf der ihm als Wohnsitz angewiesenen reichen Marschinsel Schmerhörn mit seinen breiten Schultern und seinen sechs Fuß aus den die Klinkersteige und Muschelwege zu beiden Seiten begleitenden Schilfhalmen hervor, so machten die ihm Entgegenkommenden Kehrt; auf den Fennen und Weiden versteckten sich die Bauern und Knechte hinter Pflug und Vieh, um ihn nicht grüßen zu müssen. Zu den Hofbesitzern kam er nicht, öffentliche Termine, wie es noch damals, als Rest der Thinggerichte, Sitte war, hielt er nicht, für keinen war er zu sprechen, Alles mußte schriftlich und durch »untertänigste Supplik« abgefertigt werden. So kam es, daß er fremd auf seinen Inseln war, wenn er sich auch andrerseits bis ins Kleinste von den Vorfällen und Ereignissen durch seine Unterbeamten unterrichten ließ.