Greggert Meinstorff, aus einem alten holsteinischen Geschlecht, das seine Zweige weit in andre Länder getrieben, war der letzte seines Hauses. Er hatte eine Dame aus dem Landesadel geheiratet und lebte mit dieser seit elf Jahren in kinderloser Ehe. Daß er keine Nachfolger hatte, machte ihn finster und schwermütig. Die Ehe war nicht glücklich. Wenn auch beide übereinstimmten in unermeßlichem Adelsstolz, so wußte sonst Frau von Meinstorff in keiner Weise ihren Mann zu nehmen. Er, der ruhige, scheinbar kalte Verstandesmensch, dem jedes Aufwallen und Schütteln des Herzens unverständlich war, hatte Tag für Tag den Jähzorn seiner Frau zu beklagen, der oft alle Grenzen überschritt; das machte sie ihm widerwärtig.

Mit der Zeit entfernten sie sich immer mehr von einander. Freilich, eins bemerkte er nicht: daß ihn seine Frau anbetete. Zeigte sie ihm auch nicht ihr Herz, blieb sie kalt und kühl, wenn sie nicht an ihren bösen Erregtheiten litt, so ließ doch ihr Auge nicht von ihm, wenn sie ihn heimlich verfolgen konnte. Alle die kleinen Aufmerksamkeiten, die sie ihm bereitete, bemerkte er niemals. So ging er schroff und hart, sie nur als ein schweres, unbequemes Anhängsel betrachtend, mit ihr durchs Leben.

Nur für einen Gegenstand zeigte der Staller lebhaftes Interesse; nur bei einer Sache hellte sich das finstre Gesicht auf, konnte er freundlicher werden, sprach er einmal ein freundliche Wort: wenn er als Kapitän auf seinem Schiffe stand. Mit den beiden königlichen Jachten, die ihm zur Verfügung gestellt waren, und mit seinen beiden eignen, ewerartig gebauten Schiffen, von denen das eine die Dogge, das andere der Drache hieß, fuhr er so oft wie angängig auf der tückischen Nordsee umher. Vielleicht hatte ers von seinen Ahnen: die Meinstorffs waren arge Seeräuber in früheren Jahrhunderten gewesen.

Sobald er sein Schiff betrat, war der ganze Mann verändert: die schwerfällige, starke Riesenfigur streckte und reckte sich: die traurigen, zu Boden blickenden Augen wurden lebhaft, weit und feurig; seine Stimme klang hell und scharf. Spritzte ihm der Gischt übers Gesicht, fiel der salzige Schleier wieder ab, lachte er. Als sei er erlöst aus schwerem Bann, so ganz wurde sein Wesen ein andres, wenn die Kommandeurflagge beim ersten Schritt, den er aufs Verdeck tat, am Topmast gehißt ward.

Auf einer dieser Fahrten, die er bis nach Helgoland, das ebenfalls unter seiner Verwaltung stand, und weiter auszudehnen pflegte, kreuzte er zu eigensinnig gegen einen immer stärker werdenden Westwind. Sein langer rötlicher Schnurrbart lag fest bis zu den Ohren an den Backen. Endlich drehte er bei und raste nun mit vollgefaßten Segeln auf die Küste seiner Residenzinsel Schmerhörn zu. Die Ebbe war bedeutend im Fallen. Doch er, Flut und Ebbe verstehend und kennend, irrte sich diesmal in seinen Berechnungen: der Drache stieß mit hartem Knirschton auf eine Bank, und gleich die nächste See stürzte über die Jacht, Alles mit sich fortreißend, was sie erreichen konnte. »In die Wanten!« schrie Greggert. Und hier hielten er und seine Leute sich mit der Kraft, die die Todesgefahr einem jeden gibt. Mehr und mehr sank die Ebbe, und nach einer Stunde schon konnten alle von dem arg mitgenommenen Schiff auf den bloßgelegten Sand springen und nach halbstündiger Wandrung den Deich ersteigen.

Selbst der stahlgebaute Staller bedurfte eines Ausruhens, und so ging er mit der Mannschaft in ein nahgelegenes Wirtshaus, das, armselig genug, auf einer Werft zwischen Tagelöhnerwohnungen unmittelbar am Westerdeich seinen bescheidenen Giebel zeigte.

Es gehörte dem alten blinden Frerk Tadema Frerksen, der sich, nachdem er als holländischer See-Kapitän ein beträchtliches Vermögen erworben und durch eine Fehlspekulation wieder verloren, auf seine Heimatinsel zurückgezogen hatte, um den Rest seines Lebens sich kümmerlich durchzubringen.

Die Wirtschaft führte seine Tochter Silk, die, auf Java geboren, wo ihre Mutter am Fieber gestorben, schon als Kind mit ihm hatte auf allen Meeren herumfahren müssen. Als er vor acht Jahren sein Geld eingebüßt, hatte Silk das sechzehnte Jahr erreicht. Seit der Zeit führte sie den Vorsitz in der kleinen Schenke.

Eine eigentümliche Schönheit war Silk. Viele behaupteten, sie wäre nicht die Tochter der Frau Frerk Tadema Frerksens, sondern das Kind einer Javaneserin, die der Kapitän längere Zeit an Bord gehabt. Und wunderbar war allerdings das Gemisch von Friesin und mongolischer Rasse in dem Mädchen. Von reizender, schlanker Gestalt, zeigten sich in dem blassen, schmalen Gesichtchen zwei ein wenig nach der graden Nase schief liegende, dunkelbraune Augen, die wie zwei schwarze Monde zwischen den weißen Liderwolken lagen; aber nur ein Streifen war von den Monden zu sehen. Das Haar hatte die echt flachsköpfig friesische Farbe und lag glatt zu beiden Seiten.

Ein eigentümlich Ding! Alle die zahlreich ihr gemachten Anträge hatte sie abgeschlagen. Stumm, lautlos die Gäste bedienend, saß sie die übrige Zeit und strickte und nähte den ganzen Tag. Die Wirtschaft war wenig besucht, und so wurde es einsamer und einsamer um sie her. Umgang hatte sie nicht. Von den jungen Mädchen der Insel wurde sie gemieden, wie sie diese mied. Glitt sie mit ihren stillen Schritten an den Werften vorüber, ohne rechts und ohne links zu schauen, dann folgten ihr die Augen der Männer und in Haß die Blicke aller Weiber. Diese, ohne Ausnahme, waren einig, daß Silk eine schlechte Person sei, die ihre Männer behexe, und daß es ja auch von der »Heidin« nicht anders zu erwarten sei.