Und nun saß die schöne Silk dem allmächtigen Staller gegenüber. Dieser hatte in einem geschnitzten Sessel mit dunkelroten samtnen Kissen (sie waren Strandgut) Platz genommen. Silk hatte ihm warmes Getränk gebracht, hatte ihm in ihrer ruhigen Weise den Schemel zurecht geschoben, und dann, sich mit ihrer Arbeit ihm gegenübersetzend, auf die sie züchtig die Augen senkte, ihm gelassen auf seine Fragen geantwortet. Ihre Antworten aber begleitete sie mit dem Aufheben der oberen weißen Wolken, daß die schwarzen kleinen Vollmonde sekundenlang ihn mit ihrer Nachtpracht beschienen.
Und die schöne, blasse, stille Silk saß dem allmächtigen, riesigen, breitschultrigen Staller Greggert Meinstorff gegenüber.
Der Staller blieb nicht lange. Er gab dem Mädchen für die Zehrung ein Goldstück, das sie, ohne Dank, als selbstverständlich von einem so hohen Herrn, annahm. Als Greggert, aus der Haustür tretend, seinen Heimweg antrat, sah ihm Silk nach, bis er verschwunden war.
Und es waren seltsame Gedanken, mit denen sie ihn begleitete. Er, den sie seit Jahren im tiefsten Herzen trug, den sie nicht hoffen durfte zu sprechen, hatte ihr gegenüber gesessen, mit ihr gesprochen. Sie hatte eigentlich nur Sonntags in der alten Kirche »Zu unserer lieben Frauen auf dem Pferde« ihn beobachten können. Nicht aus Überzeugung, sondern um »denen Untertanen« ein gutes Beispiel zu geben, ging der Staller fast jeden Sonntag zum Gottesdienst. Dann stand Silk, nach friesischer Sitte, vor der Kirchtür. Sie wartete dort, bis er kam. Im Sommer, wenn die Wege gut waren, fuhr er mit sechs Pferden, Läufer voraus, Lakaien stehend auf der Rückseite, in schneller Gangart heran. Nur er, neben dem Könige, hatte im ganzen Lande das Recht, mit Sechsen zu fahren. Im Gotteshause hatte sie ihren Platz dem wappenreichen Gestühle des Stallers gegenüber. Sie konnte ihn genau beobachten. Über dem Eingange der reich geschnitzten Loge war das Allianzwappen angebracht. Der Meinstorffsche aufrecht schreitende Panther mit dem güldnen Krönlein, und der Pogwischsche Wolf, der mit weit heraushängender Zunge gierig die Vorderpfoten auf einen Bauernzaun legt. Echt feudale Wappen!
Aber Silk hörte nicht auf die Worte des Seelsorgers, sie träumte und verzehrte sich in unbewußten, heißen Gluten. In ihrer kindlichen Einfalt bat sie den lieben Gott, er möge es bewerkstelligen, daß der ihr gegenübersitzende Staller einmal vor ihr zu Füßen falle, einmal ihr, wie sie wußte, daß es in der hochstehenden Gesellschaft üblich sei, die Hand küsse.
Allmählich schlichen sich in die kindlich-törichten Gedanken andre, herzliche. Silk wußte, wie jeder auf der Insel, wie unglücklich der Staller und seine Frau miteinander lebten: wenn sie dem ernsten, so trübe ausschauenden Manne etwas Liebes tun könnte, ihm irgend eine Freude bereiten! Aber Greggert war nicht gekommen, um ihr die Hände zu küssen. Er hatte sie nie bemerkt, auch in der Kirche nicht.
Und nun war er doch bei ihr gewesen. Ob er wieder kommen würde? –
Wie trug es sich doch zu, daß Greggert, als er auf dem Heimweg war aus der kleinen Schenke, den Kopf noch tiefer sinken ließ als gewöhnlich; wie kam es, daß er, im Schlosse eingetroffen, sofort befahl, die Dogge, das im Osterhafen liegende Privatschiff, solle diese Nacht (die Flut trat um drei Uhr dreiundvierzig Minuten morgens ein) nach dem Westerdeiche fahren, und für ihn bereit liegen. Er fügte hinzu, daß er nach dem Wrack des Drachen hinaus wolle. Gründe pflegte sonst der hohe Beamte nicht anzugeben.
Am andern Mittag ging er nach dem Westerdeich, und Silk sah ihn kommen. Und wie er graden Weges auf die kleine Schenke zusteuerte, da lachte ihr Herz: er kommt um meinetwegen.