Dann lächelte Lukrezia, dem eifrigen Mädchen die heiße Wange streichelnd.
"So ging es nicht zu", flüsterte sie ihr ins Ohr; "die berühmte
Römerin verlor sich in einer Dämmerstunde an einen Mann, sein
sündiger Geist fuhr in sie, und sie wurde sein willenloses Werkzeug.
So war es, glaube mir. Ich weiß es."
Leer und still war heute die römische Kammer, nur vom Hofe her tönte seit dem Mittag ein gedämpftes Hämmern und ein in unterdrückten Lauten geführtes Gespräch.
Jetzt wird behutsam auf das verrostete Schloß der Eichentür gedrückt.
Sie öffnet sich knarrend, und auf den Zehen tritt Angela ein mit
ernsten Augen, in Trauer gekleidet, um das Kraushaar einen schwarzen
Schleier geschlungen.
Sie eilt ans Fenster, öffnet es und sieht im Hofe das die beiden Este erwartende Schafott sich erbauen.
Drei Holzstufen, ein rohes Gerüst, das man jetzt mit dunkelrotem Tuch bedeckt, der schon oben stehende Block mit schwarzem Samt überkleidet und, alles leicht umhüllend, ein dünnes Schneegestöber! Wollte es die Brüder in den ewigen Winter einladen?
Sie starrte auf die Gerichtsstätte nieder, da weckte sie ein leiser, dringender Ruf dicht unter ihrem Fenster.
"Prinzessin, nehmt Euch des armen Don Giulio an! Bittet für!
Verlangt Gnade!" Noch ein flehender Blick unter einem breiten
Arbeiterhute hervor begegnete ihren suchenden Augen, dann verlor sich
der Mitleidige schleunigst unter die andern Zimmerleute.
Jetzt wurde von Dienern eine zweite, der nach dem Innern des Palastes führenden gegenüberliegende Tür geöffnet und eine richterliche Gestalt in fließender Toga eingeführt.
Es war der Großrichter Herkules Strozzi, der etwas unmutig schien, Donna Angela zu erblicken statt des herzoglichen Paares, das er in der römischen Kammer zu finden erwartet hatte.