Da das Mädchen in seiner Rechten eine mit Siegeln versehene Rolle sah, rief es entsetzt:

"Das Todesurteil! Ist es unwiderruflich?"

Der Richter antwortete gemessen: "Es ist noch nicht unterschrieben, doch zweifle ich nicht, daß die Gerechtigkeit Don Alfonsos es bestätigen wird."

"Gerechtigkeit! Menschliche, nicht göttliche!" sprach Angela. "Habt ihr vergessen, ihr Richter, auf wem die erste Schuld liegt? Vergaßet ihr die Quelle der Verschwörung, den Greuel des Kardinals?…"

"Das ist ein andrer Rechtsfall", erwiderte Strozzi, den die Aufregung des Mädchens verstimmte, "und hat mit unsrer heutigen Sache nichts zu schaffen!"

"O ihr Lügner und Heuchler!" rief sie aus, "wenn jemand gerichtet werden soll, wahrlich, so bin ich schuldiger als Don Giulio!"

Der Richter schüttelte ungeduldig das Haupt.

"Und die Herzogin! Vertritt sie nicht die Gnade?" fuhr sie fort. "Sie, auf die ich immer noch gezählt habe und die so große Macht über den Herzog ausübt?"

"Nicht in diesen prinzipiellen Rechtsfragen. Hier ist der Herzog unerschütterlich. Er ist überzeugt, wie von seinem Dasein, daß die Unverletzlichkeit der regierenden Person die Grundbedingung des neuen Fürstentums ist, wie es jetzt in Italien überall entsteht", sagte Strozzi. "Mit der Begnadigung Don Ferrantes und Don Giulios würde er, glaubt der Herzog, den Untergang seiner Herrschaft besiegeln. Donna Lukrezia ist viel zu klug und hat sich von jeher gehütet, an eine persönliche Überzeugung des Herzogs zu rühren."

"Und Ihr?" reizte sie ihn, "Strozzi, teilet denn Ihr zuungunsten
Eures blinden Freundes die fürstlichen Überzeugungen des Herzogs?"