"Was weiß man von dem Nazarener?" sagte er. "Was man von seinen Reden und Taten erzählt, ist unglaublich und unwichtig. Ich kenne ihn nicht. Wird ein Gott gekreuzigt?… Ich weiß nur von dem durch die Kirche in den Himmel erhöhten König, von dem durch die Theologie geschaffenen zweiten Gotte der Dreifaltigkeit. Sein der Himmel! Unser die Erde! Unser ist hier die Gewalt und das Reich! Und es ist Herrscherpflicht, das Schädliche und Unnütze, das uns widersteht, zu vernichten.
Doch wir philosophieren hier, und draußen erwarten zwei den Tod…
Mit einem Worte, Bruder, sie dürfen nicht sterben!… Du gibst sie mir! Schütte kein Blut mehr über mein Haupt… Es verwirrt und erstickt mich.—Sehen darfst du die Fürstenmörder nicht mehr! Verbirg sie im Kerker, aber laß sie leben um meinetwillen!"
Der Herzog sann mit geneigtem Haupte, dann sagte er: "Ich tue es ungern, es schädigt mein Fürstenrecht. Aber ich will es lieber, als daß dich zwei abgeschlagene Häupter ängstigen und zwei Tote in die Gruft nachziehen.
Ich tue es dir um des vielen willen, was du für Ferrara getan hast.
Man öffne den Balkon! Wir treten hinaus, und Ihr, Großrichter, leset das Urteil mit dem Zusatze der üblichen Begnadigungsformel."
Sie erhoben sich; der Kardinal aber blieb an der heruntergebrannten Glut sitzen. Er ließ sich eine Decke über die Knie legen, lehnte sich in seinem Stuhle zurück und schloß die Augen. Er wünschte nicht, als Zeuge der ihm gewährten Begnadigung gesehen zu werden.
Diener brachten Mäntel, Kopfbedeckungen und Überwürfe, um die ins
Freie tretenden Herrschaften vor der Winterkälte zu schützen.
Während Lukrezia sich in die Kapuze eines blendend weißen, aus der feinsten flämischen Wolle verfertigten Nonnenmantels hüllte und Donna Angela ihr dabei behilflich war, näherte sich ein Page mit unschuldigem Gesicht, bog rasch, wie ein Chorknabe vor dem Altar, das Knie vor der Herzogin und überreichte ihr in einer silbernen Schale zwei verschiedene Briefe, ein umfängliches Schreiben und ein leicht zu verbergendes Briefchen.
Lukrezia ließ einen schnellen Blick auf ihre Überschriften fallen.
Es war die schönfließende Handschrift Bembos und auf dem kleinen
Briefchen—Lukrezia erschrak zu Tode—das feine Frauenschriftchen
Cäsar Borgias.