"Und welches?" fragte sie.

"Eure Fürsprache, Madonna", erwiderte der Herzog, "für einen
Schuldigen, der seinen Kopf aufs Spiel gesetzt und ihn verloren hat."

"Wen meint Ihr?" fragte Lukrezia, ehrlich verwundert.

Herkules Strozzi war ihrem Gemüte gänzlich entfallen, seit er ihr durch den Tod des Bruders entbehrlich und gleichgültig geworden war, und der Herzog empfand die Genugtuung, daß der stolze Römerkopf nicht im Gedächtnisse seines Weibes, noch weniger aber in ihrem Herzen hafte, ja, daß Strozzi unmöglich jemals den geringsten Wert für Lukrezia besessen haben konnte.

Das stimmte ihn gnädig, so strenge er sonst jeden Ungehorsam zu ahnden pflegte. Er betrachtete sein Weib, das er nun als ein gesichertes Eigentum besaß, mit einer Art von Rührung. Noch nie hatte er sie schöner gesehen.

Die Goldhaare, die sich während ihres leidenschaftlichen
Bekenntnisses gelöst hatten, ringelten sich um ihre vollkommenen
Schultern, und die zartblauen Augen brannten feurig.

Er hob eine ihrer blonden Lockenschlangen zum Munde und küßte sie mit
Inbrunst. Dann sagte er, als der Mann der Ordnung, der er war:

"Ruhet vor dem Mahl ein wenig, Herzogin, und rufet Eure Frauen, daß sie Euch zurechtmachen. Denn, wenn Ihr so seid, werde ich auf das Licht und die Luft, die Euch umgeben, eifersüchtig."

Angela zitterte vor Empörung, daß Lukrezia in unglaublicher Selbstsucht ihren Mitschuldigen vergaß, und in ihrem innern Jammer warf sie sich vor, daß auch sie ihren unglücklichen Blinden in seinem Kerker vergesse. Es war ein ungerechter Vorwurf, den sie sich machte, denn sie drückte, bildlich gesprochen, ihre Stirn, und deren Gedanken, ohne Unterlaß und bis zum Schmerze an die Eisenstäbe seines Kerkerfensters.

Als sie bei Kerzenschein neben der Herzogin am Spätmahl saß, überwältigte sie dies Jammergefühl, und da sie Lukrezia die Speisen, welche sie dem Herzog zärtlich vorlegte, kosten und ihm roten Neapolitaner, zuerst davon schlürfend, kredenzen sah, war es ihr, als trinke Lukrezia Menschenblut.