Sie kniete nieder, machte über ihm das Zeichen des Kreuzes und verhüllte ihm das grause Haupt barmherzig mit seinem Mantel.
Dann floh sie weiter zu den Klarissen, deren Haus, nur zwei kurze
Gäßchen entfernt, auf dem Boden der alten Stadtumwallung stand.
In der Mitte des zweiten hörte sie Schritte hinter sich, wandte sich um und sah einen ihren fliegenden Gang verfolgenden Schatten. Sie meinte, der Tote habe sich erhoben, und verdoppelte ihre Eile. Doch ihre schnellen Füße wurden durch ein andres Nachtgesicht aufgehalten.
Dicht vor dem Kloster nämlich sprang ein fester Turm mit seiner
gewaltigen Rundung vor, den das Gäßchen umkreiste, und der mit dem
Kloster aufs seltsamste baulich verwachsen und durch den üppigsten
Efeu verwoben war.
Seine ewig verschlossene, hohe, schmale Pforte war wunderbarerweise geöffnet, und davor hielt ein Reitergedräng. In der Mitte saß auf einem Schimmel ein schlanker Jüngling mit einer Binde über den Augen.
Angela erblickte Don Giulio, von dem sie doch wußte, daß ihn der Herzog nach Fenestrella, auf eine Insel in den Pomündungen, hatte bringen lassen.
Lebte dieser Don Giulio? War er ein Traum?
Nachdem die, einer hinter dem andern, Einreitenden das Gäßchen
geräumt hatten, klopfte Angela an das Klostertor und wurde von der
Pförtnerin, der raschen Schwester Consolazione, ohne Verzug in den
Klosterfrieden eingelassen.
"Ihr seid erwartet", sagte sie. "Aber wie? Ihr kommt zu Fuß und allein? Wie Euer Herz pocht, Erlauchte! Wahrlich, wie einem geängstigten Vogel…"
"Führt mich zur Herzogin!" unterbrach die Borgia.