Als die beiden Frauen den erleuchteten Festsaal der Burg betraten, fanden sie dort Don Alfonso, der, die Herzogin erwartend, auf und nieder schritt und sich zuweilen mit einem Blick und einem Rat an der Schachpartie beteiligte, welche ein grauer Höfling mit langer ehrwürdiger Nase gegen den Grafen Contrario spielte.
"Schach und matt!" krähte der Graf triumphierend und trat, während sein Gegenpart vernichtet auf das verlorene Spiel starrte, den Frauen ritterlich entgegen.
Aber schon hatte der Herzog Donna Lukrezia zu einem entfernten
Ruhesitz geführt und begann, nachdem er sie kurz begrüßt hatte, ihr
ein Schreiben mitzuteilen. Es kam aus Mailand. Der Kardinal
Ippolito hatte es mit zitternder Hand geschrieben, und es lautete:
"Geliebtester Bruder, ich bereite mich zum Sterben. Ein inneres
Geschwür tötet mich. Ich leide unerträglich. Mich quält der Gedanke:
Vielleicht könnte ich leichter scheiden, wenn Don Giulio, mit dem
ich mich oft beschäftige, seinen Kerker verließe.
Erweise mir diesen letzten Dienst und lebe wohl."
"Du begreifst", sagte der Herzog, "daß ich sofort willfahrte. Aber wohin nun mit dem Blinden? Gib mir deinen Rat, Lukrezia, was ich mit ihm anfange. Er wird sogleich hier erscheinen. Ich habe Befehl gegeben, mir ihn vorzuführen."
"Das Schicksal hat sich seiner angenommen", sagte sie. "Erstaune! Seit zwei Jahren ist er vermählt. Zur Schande meiner Klugheit sei es eingestanden, mit meiner aus der Art geschlagenen Base, die im Schatten unseres Klösterchens den 'vergessenen' Turm besuchte. Strafe gehört ihr. Wir grenzen die beiden im Gebiete von Pratello ein und geben ihm Angela zur Hüterin."
Ein wunderliches Gemisch von Entrüstung und Befriedigung erschien auf den Zügen des Herzogs. "Doch was fangen wir mit diesem an?" sagte er höhnend und deutete auf die Mitte des Saals, wo der Graf in längerer und sorgfältig begründeter Rede um die Hand der verstummten Angela warb.
Jetzt aber öffnete sich die Tür, und der Blinde erschien auf der
Schwelle.
"Vergebt, Herr—da ist mein Gemahl!" rief Angela selig und eilte zu ihm.