'Um Gottes willen, Julian', schrie ich, 'was ist mit dir?' Keine Antwort. Der Knabe starrte mich mit abwesendem Geiste an. Ich weiss nicht, ob er mich kannte. Ich begriff, dass der sonst schon Verschlossene jetzt nicht reden werde, und da überdies der Stallmeister drängte: 'Hinein, Herr, oder zurück!', denn die ungeduldigen Rosse bäumten sich, so liess ich das Kind fahren, mir versprechend, ihm bald nach Versailles zu folgen. Schon hatte sich um die aufregende Szene vor dem Jesuitenhause ein Zusammenlauf gebildet, dessen Neugierde ich zu entrinnen wünschte, und Victor erblickend, welcher mit leidenschaftlicher Gebärde dem im Sturm davongetragenen Gespielen nachrief. 'Mut, Julian! Ich werde dich rächen!', stiess ich den Knaben vor mich in meinen Wagen und stieg ihm nach. 'Wohin, Herr?' fragte mein Kutscher. Bevor ich antwortete, schrie das geistesgegenwärtige Kind: 'Ins Kloster Faubourg Saint-Antoine!'
In dem genannten Kloster hat sich, wie Ihr wisset, Sire, Euer Ideal von Polizeiminister einen stillen Winkel eingerichtet, wo er nicht überlaufen wird und heimlich für die öffentliche Sicherheit von Paris sorgen kann. 'Victor', fragte ich durch das Geräusch der Räder, 'was ist? was hat sich begeben?'
'Ein riesiges Unrecht!' wütete der Knabe. 'Père Tellier, der Wolf, hat Julian mit Riemen gezüchtigt, und er ist unschuldig! Ich bin der Anstifter! Ich bin der Täter! Aber ich will dem Julian Gerechtigkeit verschaffen, ich fordere den Pater auf Pistolen!' Diese Absurdität, mit dem Geständnisse Victors, das Unglück verschuldet zu haben, brachte mich dergestalt auf, dass ich ihm ohne weiteres eine salzige Ohrfeige zog. 'Sehr gut!' sagte er. 'Kutscher, du schleichst wie eine Schnecke!' Er steckte ihm sein volles Beutelchen zu. 'Rasch! peitsche! jage! Herr Fagon, seid gewiss, der Vater wird dem Julian Gerechtigkeit verschaffen! Oh, er kennt die Jesuiten, diese Schurken, diese Schufte, und ihre schmutzige Wäsche! Ihn aber fürchten sie wie den Teufel!' Ich hielt es für unnötig, das rasende Kind weiter zu fragen, da er ja seine Beichte vor dem Vater ablegen würde und die fliegenden Rosse schon das schlechte Pflaster der Vorstadt mit ihren Hufen schlugen, dass die Funken spritzten. Wir waren angelangt und wurden sogleich vorgelassen.
Argenson blätterte in einem Aktenstoss. 'Wir überfallen, Argenson!' entschuldigte ich.
'Nicht, nicht, Fagon', antwortete er mir die Hand schüttelnd und rückte mir einen Stuhl. 'Was ist denn mit dem Jungen? Er glüht ja wie ein Ofen,' 'Vater—' 'Halt das Maul! Herr Fagon redet.'
'Argenson', begann ich, 'ein schwerer Unfall, vielleicht ein grosses Unglück hat sich zugetragen. Julian Boufflers'—ich blickte den Minister fragend an—"Weiss von dem armen Knaben", sagte er—'wurde bei den Jesuiten geschlagen, und der Knabe fuhr nach Versailles in einem Zustande, der, wenn ich richtig sah, der Anfang einer gefährlichen Krankheit ist. Victor kennt den Hergang.'
'Erzähle!' gebot der Vater. 'Klar, ruhig, umständlich. Auch der kleinste Punkt ist wichtig. Und lüge nicht!'
'Lügen?' rief der empörte Knabe, 'werde ich da lügen, wo nur die
Wahrheit hilft? Diese Schufte, die Jesuiten—'
'Die Tatsachen!' befahl der Minister mit einer Rhadamanthusmiene.
Victor nahm sich zusammen und erzählte mit erstaunlicher Klarheit.
'Es war vor der Rhetorik des Père Amiel, und wir steckten die Köpfe zusammen, welchen Possen wir dem Nasigen spielen würden. 'Etwas Neues! ' rief man von allen Seiten, 'etwas noch nicht Dagewesenes! eine Erfindung!' Da fiel uns ein—'