"Pfannenstiel?" wiederholte auch der aufmerksam werdende General, "der
Name ist mir bekannt—halt, Er ist doch nicht der Autor", und er
kehrte sich dem Jüngling wieder zu, "der mir gestern seine
Dissertation über die Symbolik der Odyssee zugesendet hat?"
Pfannenstiel neigte bejahend das Haupt.
"Dann ist Er ja ein ganz liebenswürdiger Mensch!" sagte Wertmüller und ergriff ihn freundlich bei der Hand. "Wir müssen uns kennenlernen."
Viertes Kapitel
Er trat mit dem Gaste in die Veranda, drückte ihn auf einen Sitz nieder, goß ihm eines der auf dem Schenktische stehenden Gläser voll und ließ ihn sich erholen und erquicken.
"Der Empfang war militärisch", tröstete er ihn dann, "aber Ihr werdet im Soldaten keinen unebenen Hauswirt finden. Ihr nächtigt heute auf der Au—ohne Widerrede!—Wir haben manches zu verhandeln.—Seht, Lieber, Eure Abhandlung hat mich ganz angenehm unterhalten", und Wertmüller langte nach dem Buche, welches in einer Fensternische des die Rückwand der Veranda bildenden Erdgeschosses lag und zwischen dessen Blätter er die zerlesene Dissertation des Kandidaten eingelegt hatte.
"Zuerst eine Vorfrage. Warum habt Ihr mir Euer Werk nur mit einer
Zeile zugeschrieben, statt mir es coram populo auf dem ersten weißen
Blatte mit aufrichtigen, großen Druckbuchstaben zu dedizieren? Weil
ich mit den Faffen, Euern Kollegen, gespannt bin, he? Ihr habt keinen
Charakter, Pfannenstiel; ihr seid ein schwacher Mensch."
Der Kandidat entschuldigte sich, seine unbedeutende Arbeit habe den Namen des berühmten Feldherrn und Literaturkenners nicht vor sich her tragen dürfen.
"Durchaus nicht unbedeutend", lobte Wertmüller. "Ihr habt Phantasie und seid in die purpurnen Tiefen meines Lieblingsgedichtes untergetaucht, wie nicht leicht ein anderer. Freilich um etwas Absurdes zu beweisen. Aber es ist einmal nicht anders: wir Menschen verwenden unsere höchsten Kräfte zu albernen Resultaten. Dachtet Ihr daran, mich rechtzeitig zu Rate zu ziehen, ich gab Eurer Dissertation eine Wendung, die Euch selber, Eure fäffischen Examinatoren, das ganze Publikum in Erstaunen gesetzt hätte. Ihr habt es gefühlt, Pfannenstiel, daß die zweite Hälfte der Odyssee von besonderer Schönheit und Größe ist. Wie? Der Heimgekehrte wird als ein fahrender Bettler an seinem eigenen Herde mißhandelt. Wie? Die Freier reden sich ein, er kehre niemals wieder, und ahnen doch seine Gegenwart. Sie lachen und ihre Gesichter verzerrt schon der Todeskampf—das ist Poesie.—Aber Ihr habt recht, Pfannenstiel, was nützt mir die Poesie, wenn nicht eine Moral dahintersteckt? Es ist eine Devise in das Zuckerwerk hineingebacken—zerbrechen wir es! Da der Odysseus nicht bloß den Odysseus bedeuten darf, wen oder was bedeutet er denn? Unsern Herrn und Heiland—so beweist Ihr und habt Ihr es drucken lassen—, wenn er kommt zu richten Lebendige und Tote. Nein, Kandidat, Odysseus bedeutet jede in Knechtesgestalt mißhandelte Wahrheit mitten unter den übermütigen Freiern, will sagen, Faffen, denen sie einst in sieghafter Gestalt das Herz durchbohren wird.
"He, Kandidat, wie gefällt Euch das?—So hättet Ihr es wenden sollen, und seid gewiß, Eure Dissertation hätte gerechtes Aufsehen erregt!"