"Halleluja! Voran, Engel Gabriel!" jubelte das Mädchen.
Unten am Burgweg sagte der Hirtenbube: "Herr, es gibt zwei Wege nach Pratum. Der eine steigt durch die Schlucht, der andere über die Alp." Er wies mit der Hand. "Wenn es dir und der jungen Herrin beliebt, so nehmen wir diesen. Oben schaut es sich weit und lustig, und es könnte trübe werden gegen Abend. Es ist ein Gewitterchen in der Luft."
"Ja, über die Alp, Wulfrin!" rief Palma. "Ich will dir dort meinen
See zeigen", und leichtgeschürzt schlug sie sich über eine lichte
Matte, die bald zu steigen begann und immer steiler wurde.
Leicht wie auf Flügeln, mit frei atmender Brust ging das Mädchen bergan und blieb unter der sengenden Sonne frisch und kühl wie eine springende Quelle. Der Berg hatte an dem Kinde seine Freude. Glänzende Falter umgaukelten ihr das Haupt, und der Wind spielte mit ihrem Blondhaar.
Wulfrin schaute um nach Malmort, das grau schimmernd kaum aus der Morgenlandschaft hervortrat. "Wie geschah mir", fragte er sich, "in jenem Gemäuer dort? Wie konnte mich dieses unschuldige Geschöpf beängstigen, dieses fröhliche Gespiel, diese behende Gems mit hellen Augen und flüchtigen Füßen?" Ihm wurde wohl, und er mochte es gerne, daß der Knabe zu plaudern begann.
Gabriel erzählte von den Lombarden, welche er als Späher der Richterin beschlichen hatte. Sie seien überall und nirgends. Sie nisten in den Pässen, belauern die Boten und plündern die Säumer. Sie berauschen sich in dem geraubten heißen Weine von drüben, prahlen mit besiegten Waffen, fabeln von der Herstellung der eisernen Krone und leugnen oder lästern den Weltlauf. Sie beten den Teufel an, der das Regiment führe, "und doch", endigte der Knabe, "sind sie gläubige Christen, denn sie stehlen aus unsern Kirchen alles heilige Gebein zusammen, soviel sie davon erwischen können. Es ist Zeit, daß der Herr Kaiser zum Rechten sehe und ihnen feste Bezirke und einen Richter gebe."
Da nun Gabriel bei dem Kaiser angelangt war, dessen erneuerte Würde
ihren Schimmer bis in dieses wilde Gebirge warf, begeisterten sich
seine Augen und er rief: "Diesem und keinem andern will ich dienen!
Ich heiße Gabriel und schlage gerne mit Fäusten, lieber hieße ich
Michael und hiebe mit dem Schwerte! Recht muß dabei sein, und der
Kaiser hat immer Recht, denn er ist eins mit Gott Vater, Sohn und
Geist. Er hat die Weltregierung übernommen und hütet, ein blitzendes
Schwert in der Faust, den christlichen Frieden und das tausendjährige
Reich."
Nun mußte ihm Wulfrin den Kaiser beschreiben, die Spangen seiner Krone, den blauen, langen Mantel, das tiefsinnige Antlitz, das kurzgeschorene Haupt, den hangenden Schnurrbart, "den wir Höflinge ihm nachahmen", sagte er lachend.
"Wie blickt der Kaiser?" fragte Palma, und Wulfrin antwortete ohne
Besinnen: "Milde."
Die Kinder lauschten andächtig und bestaunten den Mann, der mit dem Herrn der Welt Umgang pflog; sobald aber die Höhe erreicht war, wo sich der Rasen breitete, war es mit der Andacht vorbei. Gabriel jauchzte gegen eine ernsthafte Felswand, die den Knabenjubel gütig spielend erwiderte, und Palma lief, den Höfling an der Hand, einem gründunkelklaren Gewässer entgegen, das die Wand mit ihrem Riesenschatten noch immer vor der schon hohen Sonne verbarg. Sie umwandelten das mit Felsblöcken besäte Ufer bis zu einem bemoosten Vorsprung, der weiche Sitze bot. Hier zog sie ihn nieder, und wie sie so lagerten, sagte sie: "Nun ist das Märchen erfüllt von dem Bruder und der Schwester, die zusammen über Berg und Tal wandern. Alles ist schön in Erfüllung gegangen."