Das war hübsch. Das Mädchen wurde gerührt und reichte ihm die Hand.
Auch Wulfrin mißfiel diese Werbung nicht. "Nun aber wollen wir ein
bißchen lustig sein!" rief er aus. "Das bringe ich euch!" Er hob den
Krug und trank. Graciosus schöpfte einen Löffel Milch und bot ihn dem
Munde seiner Braut. Es war nicht der einzige auf Pratum, aber
Gnadenreich wollte eine sinnbildliche Handlung begehen.
Sie öffnete schon die roten Lippen, da sagte sie: "Heute widersteht mir die Milch. Gib du mir zu trinken, Wulfrin." Er reichte ihr den Krug, und sie schlürfte so hastig, daß er ihr denselben wieder aus den Händen nahm. Darauf schien sie ermüdet, denn sie ließ den Kopf auf die Schulter und allmählich in die Arme sinken und nickte ein. Die Föhnluft wurde zum Ersticken heiß. Wulfrin und Graciosus verstummten ebenfalls, und dieser half sich, indem er seine Milch auslöffelte und nach ländlicher Sitte zuletzt die Schüssel mit beiden Händen an den Mund hob. Wulfrin betrachtete den jungen Nacken. Er enthielt sich nicht und berührte ihn mit den Lippen. Sie erwachte.
"Aber wir sitzen auf dem Turm wie die drei Verzauberten", sagte sie. "Geh, Gnadenreich, hole uns das Buch, wo der Bruder abgebildet ist, das aus dem Stifte—weißt du—, welches du bei deinem letzten Besuche der Mutter, der ich über die Schulter blickte, gezeigt hast." Gnadenreich willfahrte ihr, aber sichtlich ungerne.
Palma suchte und fand das Blatt. Über dem lateinischen Texte war mit saubern Strichen und hellen Farben abgebildet, wie ein Behelmter den Arm abwehrend gegen ein Mädchen ausstreckt, das ihn zu verfolgen schien. Mit dem Krieger deuchte er sich nichts gemein zu haben als den Helm, doch je länger er das gemalte Mädchen beschaute, desto mehr begann es mit seinen braunen Augen und goldenen Haaren Palma zu gleichen. Um die Figur aber stand geschrieben: "Byblis."
"Erzähle und deute, Gnadenreich", bat Palma. Graciosus blieb stumm. "Nun, so will ich erklären. Das hier ist der Bruder auf Malmort, wie er anfangs war und mich wegstößt."
"Das ist nichts für dich, Palma!" wehrte Graciosus ängstlich, "laß!", und er entzog das Buch ihren Händen.
"Ihr seid beide langweilig!" schmollte sie. "Ich gehe lieber. Drüben am Hange sah ich blühende Rosen in dichten Büschen stehen. Ich will mir einen Kranz winden", und sie entsprang.
Ein blendender Blitz fuhr über Pratum weg und dem Höfling durch die
Adern. "Warum hast du ihr das Buch weggenommen?" fragte er gereizt.
"Weil es für Mädchen nicht taugt", rechtfertigte sich Gnadenreich.
"Warum nicht?"