"Die Schwester im Buche liebt den Bruder."
"Natürlich liebt sie ihn. Was ist da zu suchen?"
Graciosus antwortete mit einer Miene des Abscheus: "Sie liebt ihn sündig! sie begehrt ihn."
Wulfrin entfärbte sich und wurde totenbleich. "Schweig, Schurke!" schrie er mit entstellten Zügen, "oder ich schleudere dich über die Mauer!"
"Um Gottes willen", stammelte Graciosus, "was ist dir? Bist du verhext? Wirst du wahnsinnig?" Er war von Wulfrin und dem Buche weggesprungen, in welches dieser mit entsetzten Blicken hineinstarrte. "Ich beschwöre dich, Wulfrin, nimm Vernunft an und laß dir sagen: das hat ein heidnischer Poet ersonnen, leichtfertig und lügnerisch hat er erfunden, was nicht sein darf, was nicht sein kann, was unter Christen und Heiden ein Greuel wäre!"
"Und du liesest so gemeine Bücher und ergötzest dich an dem Bösen,
Schuft?"
"Ich lese mit christlichen Augen", verteidigte sich Gnadenreich beleidigt, "zu meiner Warnung und Bewahrung, daß ich den Versucher kenne und nicht unversehens in die Sünde gleite!"
Die Hände des Höflings zitterten und krampften sich über dem Blatte.
"Bei allen Heiligen, Wulfrin, zerstöre das Buch nicht! Es ist das teuerste des Stiftes!"
"Ins Feuer mit ihm!" schrie der Höfling, und weil kein Herd da war als der lodernde des offenen Himmels, riß er das Blatt in Fetzen und warf sie hoch auf in den wirbelnden Sturm.