Die Mahlzeit war kurz, wie Pescara es liebte. Victoria ließ es sich nicht nehmen, selbst dem Gemahl die Speisen vorzulegen, er aber rächte sich beim Nachtisch. Zwischen Eis, Früchten und Naschwerk erblickte er eine von seinem Zuckerbäcker kunstvoll geformte Mandelkrone. "Siehe da", scherzte er, "etwas für meine ehrgeizige Victoria!" Er bot sie ihr, deren Herz zu pochen begann.

Sie erhoben sich und betraten das Nebenzimmer, das eine schwebende Ampel gleichmäßig erhellte und in seinem noch frischen Schmucke schimmern ließ. An den Wänden liefen Kinder mit Blumenkränzen, während das Lattenwerk der Decke in seinen Feldern grau auf Goldgrund gemalte Heroenbüsten zeigte, eine willkürlich gewählte Gesellschaft, auf den vier ampelhellen Mittelfeldern: Äneas, König David, Herkules und Pescara. Das ganze Gerät war ein Ruhebette, dessen Rücklehne in ihrem Kastanienholze mit ausgebrochenen Lettern die Schrift trug: "Hier muß man plaudern."

"Wie kommt es", fragte Victoria, sich neben Pescara niederlassend, "daß mir der Konnetabel trotz seiner feinen Art einen unangenehmen Eindruck macht, daß er mich—geradeheraus gesagt—abstößt?"

"Der Arme!" scherzte Pescara. "Mars und Muse, Rauheit und Anmut, der garstige Leyva und die schöne Victoria fühlen sich gleicherweise von dem Kapetinger beleidigt, der sich doch gegen beide unsträflich benommen hat, wie ich bezeugen kann. Da muß sich etwas zwischen ihn und jeden andern, wer es sei, einschleichen, und ich glaube wohl, dieser entstellende Dunst und verhäßlichende Nebel ist sein Verrat oder welchen Namen man dem Abfall von seinem Könige geben will."

Eine leichte Blässe überzog das Antlitz Victorias.

"Verrat..." Pescara dehnte die zwei Silben des Wortes. "Es ist begreiflich, daß ein edles Weib diese Sünde verabscheut. Ob ich meinem Fürsten Treue breche oder meinem Freunde oder meinem ahnungslosen Weibe oder selbst meinem Mitschuldigen, alles das sind Spielarten derselben Gesinnung... Schon dein finsterer und großer Dichter, aus welchem du deine Seele erneuerst, wertet den Verrat als die schwerste Schuld, da ja in seiner Giudecca sein Zerberus oder Luzifer in jedem der drei Rachen einen Verräter zermalmt. Den ersten weiß ich: es ist jener, der den Heiland geküßt hat. Wer aber sind die zwei andern: die, welche Luzifer an den Füßen gepackt hält und die das Haupt nach unten schweben? Das ist mir in diesem Augenblicke nicht erinnerlich. Sprich doch die Stelle, du weißt ja die hundert Gesänge auswendig." Victoria rezitierte:

"Degli altri due, ch' hanno il capo di sotto, Quel, che pende dal nero ceffo, è Bruto: Vedi come si storce, e non fa motto: E l'altro è Cassio, che par sì membruto*1*)." ———————— Hier windet Brutus sich mit festem Schweigen, Und aus dem dritten Maul hangt Cassius nieder, An dessen Leib sich alle Muskeln zeigen. ————————

Behaglich plauderte der Feldherr weiter: "Dieser schweigend sich windende Brutus ist gut, doch—mit der schuldigen Ehrfurcht—den dürren Cassius, dessen Magerkeit Julius Cäsar fürchtete, wie kann ihn Dante muskulös nennen? Überhaupt, Victoria, wie gefällt dir diese Speise des Zerberus?"

Da antwortete Victoria tapfer: "Herr, die Mörder Cäsars gehören nicht in die Hölle. Hier tadle ich meinen Dichter."

"Beileibe nicht!" neckte Pescara. "Und doch, brav, meine Römerin! Treue ist eine Tugend, aber nicht die höchste. Die höchste Tugend ist die Gerechtigkeit." So schaukelte Pescara sein Weib über dem Abgrund und dem Geheimnis seiner Seele und hinderte sie, Fuß zu fassen, die mit dem ganzen Ungestüm ihres Wesens Boden suchte, den Sieg erstrebend, den zu erringen sie nach Novara geeilt war. Auf immer neuen Wegen verfolgte sie das Ziel, von welchem Pescara sie ferne hielt. Jetzt hatte sie die Eingebung, den größten lebenden Patrioten Italiens zu Hilfe zu nehmen.