"Ich mußte mich immer wundern, Pescara", sagte sie, "daß du, wie du bist, unter unsern Bildnern und Dichtern die lieblichen den gewaltigen vorziehst, den Ariost und Raffael dem erhabenen Dante und seinem späten, aber ebenbürtigen Bruder, dem Buonarotti—du selbst aber bist eine tiefe und verborgene Natur."
"Ebendarum, Victoria, wenn ich es bin. Die Kunst ist eine Ergötzung. Was aber deinen Michelangelo angeht, so mache mich nur nicht eifersüchtig auf den Zyklopen mit dem zertrümmerten Nasenbein, da du ihn so sehr bewunderst."
Victoria lächelte. "Ich habe sein Angesicht nie gesehen und kenne nur seine Sistine."
"Die Propheten und Sibyllen? Diese habe ich vor Jahren auch betrachtet und aufmerksam, doch sind sie mir wieder verschwommen, bis auf ein paar Einzelheiten. Zum Beispiel der Mensch mit gesträubtem Haar, der vor einem Spiegel zurückbebt—"
"Worin er die Drohungen der Gegenwart erblickt", ergänzte sie erregt.
"Und dann die Karyatide, von einer ungeheuren Last zusammengedrückt, das kurze, viereckige, jammervolle Geschöpf! Das häßlichste Weib ohne Frage, wie du das schönste bist—"
"Eine Vergewaltigte, eine Unterjochte, eine Sklavin—"
"Nun tauchen mir auch die Propheten wieder auf: der kahle Sacharja, oder wer es sein mag, ein Bein oben, eines unten, der scheltende Hesekiel im Turban, Daniel schreibend, schreibend, schreibend. Auch die Sibyllen: die gekrümmte Alte mit der Habichtsnase, die glimmenden Augen in ein winziges Büchlein vertieft, mit der Nachbarin, die sich Öl in die erlöschende Ampel gießen läßt, und, die schönste von allen, die Jugendliche mit dem delphischen Dreifuß. Alles in rasender Tätigkeit. Was soll dieser Sturm? Was predigen und weissagen diese?"
Da rief Victoria in flammender Begeisterung, als säße sie selbst im Rate der Prophetinnen: "Sie bejammern die Knechtschaft Italiens und verkündigen den kommenden Retter und Heiland!"
"Nein", urteilte Pescara streng, "die Stunde des Heils ist vorüber. Nicht Gnade verkündigen sie, sondern das Gericht."