Das Verhältniss des goldenen Schnittes hat, wie es scheint, auch an sich selbst einen gewissen Anspruch darauf, als höchster Ausdruck einer unmittelbar wohlgefälligen und organisch-lebendigen Proportion oder Eintheilung des Maasses zu gelten. Das Zusammenstimmende oder Passende in den Verhältnissen des Maasses bei allem Organischen und Schönen ist nicht von der Art, dass es durch irgend eine einfache arithmetische Formel ausgedrückt werden könnte oder mit einer solchen übereinzustimmen schiene. Hierdurch unterscheidet sich offenbar die Ordnung alles Lebendigen von derjenigen des durch uns selbst kunstmässig berechneten mechanischen Dinges. Dieses letztere hat seine mathematische Proportion oder die Formel seiner arithmetischen Ordnung ausser sich selbst und es macht eben darum in seinen Verhältnissen im Allgemeinen einen eckigen, unschönen und unlebendigen Eindruck. Dem Organischen und dem Schönen aber ist das Prinzip der mathematischen Ordnung an sich selbst inwohnend oder immanent und es bringt eben darum auf uns den Eindruck des Freien, Natürlichen, Ungezwungenen und eigenartig Selbstständigen hervor. Das Organische und das Schöne ist einheitlich geordnet, aber der Gedanke dieser Ordnung ist ein ihm selbst inwohnender und nicht wie der des mechanischen Dinges ein von Aussen her auf dasselbe übertragener. Wir finden es daher nicht regelmässig oder begrifflich gestaltet im Sinne der gewöhnlichen mechanischen Mathematik, aber es ist gleichsam eine tiefere innerliche oder organische Mathematik, welche uns in ihm zu walten scheint. Es ist möglich, dass auch unsere ganze Mathematik selbst noch einer Erweiterung fähig ist, inwiefern es ihr gelingen sollte, die Gesetze und Verhältnisse der organischen oder lebendigen Gestalten der Dinge zu begreifen. Die gewöhnliche Geometrie ist nur die Wissenschaft von den reinen oder abstracten Elementen und Verhältnissen des Raumes. Die Gestalten der wirklichen oder lebendigen Dinge aber scheinen sich gleichsam als Fortsetzungen oder speciellere Durchdringungen an jene reinen Elemente des Raumes anzuschliessen, etwa ähnlich wie die wirklichen Materien und Stoffe der Natur durch die Chemie als Producte der Verbindung und innigen Durchdringung der reinen und einfachen stofflichen Grundelemente nachgewiesen werden.

Die Regel des goldenen Schnittes bildet insofern ein durchaus eigenthümliches und singuläres Verhältniss oder Prinzip der Eintheilung des Maasses als hier in einem und demselben wirklichen Verhältniss zweier Theile der nämliche Unterschied des Maasses sich zweimal zugleich vorfindet, indem die grössere Hälfte eines Ganzen durch dieses letztere oder durch die Summe seiner beiden einzelnen Hälften gerade um ebenso viel wiederum aufgehoben oder übertroffen wird als sie selbst über die kleinere hinausragt oder als diese von ihr aufgehoben und übertroffen wird. Das Ganze ist hier gleichsam der natürliche Rächer des Unterliegens der kleineren Hälfte gegenüber dem Uebergewichte der grösseren, da diese ihm selbst gegenüber gerade um so viel kleiner ist als sie grösser war im Verhältniss zu jener. Die grössere Hälfte ist ganz in demselben Maasse der Major im Verhältnisse zu der kleineren oder dem Minor als sie selbst der Minor ist im Verhältniss zu dem Ganzen oder der Summe. Wir glauben hierin gewissermaassen einen Ausdruck der ethischen Idee der Gerechtigkeit in der natürlichen Vertheilung des Maasses erblicken zu dürfen. Auch das Gesetz oder der Gedanke einer Tragödie beruht zuletzt ganz auf demselben Princip oder Verhältniss, welches uns hier auf dem Gebiete des Maasses in der Regel des goldenen Schnittes erscheint. Der tragische Held, ein verhältnissmässig grosser Mensch, ist hier gleichsam der Major, welcher ein bestimmtes Unrecht begeht, indem er über den Minor oder über den Maassstab der gewöhnlichen und kleinen Dinge oder rechtlichen Verhältnisse des menschlichen Lebens hinausgreift und diesen verletzt; er wird hiefür aufgehoben oder vernichtet durch die höhere Idee der Gerechtigkeit, welche im Ganzen oder in der Gesammteinrichtung oder im allgemeinen Verlaufe des menschlichen Lebens waltet und es muss die ihn treffende Strafe überall dem Maasse jenes von ihm begangenen Unrechtes adäquat sein. Das Ganze also ist auch hier immer ganz in demselben Maasse das Grössere oder Stärkere gegenüber dem Major als dieser selbst gegenüber dem Minor und es sind wesentlich überall diese drei Factoren, aus denen sich die Idee oder Einrichtung einer Tragödie zusammensetzt. Das Gesetz der ethischen Gerechtigkeit im Leben und das der ästhetischen oder organischen Harmonie in allem Lebendigen ist also wesentlich überall eines und dasselbe und es schliesst sich auch das Verhältniss des Major und des Minor oder der stärkeren und schwächeren Hälfte eines jeden sonstigen qualitativen Gegensatzes im Leben, wie z. B. des Männlichen und des Weiblichen, an die nämliche Grundform aller wirklichen Eintheilung oder Gliederung an.

Die innere Harmonie einer jeden specifisch schönen Sache oder eines Kunstwerkes ist allerdings überall noch eine höhere, reinere und vollkommenere als die des gewöhnlichen, wirklich lebendigen oder organischen Dinges. Es ist vielleicht möglich, diesen Unterschied an irgend ein bestimmmtes näheres oder specifisches Merkmal zu binden. Das wirklich Lebendige oder Organische strebt durch sich selbst in einzelnen seiner Erscheinungen der reineren und höheren Vollkommenheit des Künstlerischen zu und es ist das Kunstwerk selbst überall nur der Ausdruck des höchsten und eigentlichen Vollkommenheitszieles der empirischen Dinge in der übrigen wirklichen Welt. Wir glauben den Satz aussprechen zu dürfen, dass diese höhere und reinere ideale Vollkommenheit in der Erscheinung des Kunstwerkes gegenüber der sonstigen gemeinen Wirklichkeit ihren nächsten und wesentlichen Grund überall darin habe, dass dort die an sich schwächeren oder überhaupt die der Seite des Minor in einer jeden organischen Entgegensetzung angehörenden Elemente sich auf eine verhältnissmässig höhere Stufe der Bedeutung oder der äusseren Anerkennung ihres inneren Werthes gestellt und erhoben finden werden als hier. In der wirklichen Welt regiert im Allgemeinen das rohe und brutale Uebergewicht des Stärkeren über das Schwächere und es beruht hierauf zuletzt der allgemeine Eindruck des Unbefriedigenden oder des das Gefühl der ästhetischen Gerechtigkeit Verletzenden, welches dieselbe für uns an sich trägt. Im Kunstwerk oder in der Sphäre des Schönen dagegen wird das an sich Schwächere im Allgemeinen immer nach dem ihm inwohnenden geistigen Werthe zu seiner wahrhaften und berechtigten Geltung gegenüber der rohen Gewalt des Stärkeren gebracht und es gründet sich eben hierauf jener Eindruck des höheren ästhetischen Gerechtigkeitsgefühles, welcher aus der wahrhaft und vollkommen schönen Sache für uns entspringt. Das Niedrige und Gemeine tritt im Kunstwerk zurück und der verborgene Werth des Edlen gelangt hier zu seinem wahrhaften Rechte. Die Waagschale des Major und des Minor wird im Kunstwerk zu Gunsten dieses letzteren Elementes um ein Bestimmtes gegenüber der Wirklichkeit verändert und es ist anzunehmen, dass dieses dann überall der richtige Ausdruck des wahren und eigentlichen oder rein idealen Standpunctes und seinsollenden Verhältnisses beider Elemente sein werde. Hierauf gründet sich überall der Eindruck des Leichten, Edlen und unmittelbar Gefälligen, welcher dem Kunstwerke gegenüber der wirklichen Sache beiwohnt. So wird in allen idealen oder an das Künstlerische anstreifenden Verhältnissen des Lebens dem weiblichen Geschlecht eine relativ hervorragendere Stellung neben dem männlichen angewiesen als dieses sonst in allen gewöhnlichen oder nüchternen Einrichtungen der Fall zu sein pflegt. Die Pflanze als der Minor des organischen Lebens in der Natur hat ebenso für die Kunst einen verhältnissmässig höheren Werth als das Thier. Im Versmaasse wird von dem kurzen Sylbenelement immer ein verhältnissmässig grösserer Gebrauch gemacht oder es tritt dasselbe dem Elemente der langen Sylbe hier in einer verhältnissmässig grösseren Wichtigkeit und Stärke zur Seite als dieses in der gewöhnlichen Rede der Fall ist oder es wird auch hier in der Kunstgestalt der Sprache die Bedeutung des Minor gegenüber der des Major überall um ein Bestimmtes erhöht. Es ist aber zuletzt überall nur die Auflösung des gegebenen Schönen in den Complex seiner sämmtlichen sowohl qualitativen als quantitativen Beschaffenheiten und die Vergleichung oder Abwägung des relativen Werthes aller seiner einzelnen Elemente unter einander, in welcher das wahrhafte Prinzip der wissenschaftlichen Erkenntniss desselben erkannt werden kann.