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beruhten. In dem einen derselben also wurde der langen betonten Sylbe oder der Arsis (nach dem antiken Sprachgebrauch im Gegensatz zu dem unsrigen, der Thesis) eine einfache, in dem anderen eine zweifache, in dem dritten endlich eine dreifache kurze Sylbe in der Thesis (dort der Arsis) an die Seite gestellt und es knüpft sich überall offenbar an dieses dreifache Verhältniss der beiden Hälften eines Fusses die besondere Harmonie, der ästhetische Stimmungscharakter oder das Ethos jedes einzelnen Versmaasses an. Da nun die lange Sylbe überall die Ausdehnung oder das zeitliche Maass einer doppelten kurzen besitzt, so besteht im trochäischen Versmaass die Einheit oder Reihe des Fusses aus 3, im daktylischen aus 4, im päonischen aus 5 letzten einfachen Zeittheilen, (morae, χρόνοι) und es beträgt im ersten Falle die Lange der Arsis das Doppelte derjenigen der Thesis, während im zweiten beide Theile einander gleich sind, im dritten aber die Arsis zur Thesis sich wie das Einfache zum Anderthalbfachen verhält, weswegen auch für das erste dieser drei Versmaasse der Ausdruck des γένος διπλάσιον, für das zweite der des γένος ἴσον, für das dritte der des γένος ἡμιόλιον festgestellt wurde. Die ästhetische Lehre oder Meinung war also hier die, dass in jenem dreifachen Zahlenverhältniss allein der Grund oder das bedingende Prinzip des eigenthümlichen Charakters einer jeden diesen drei Arten des Versmaasses enthalten sei. Das Irrthümliche hiervon aber besteht darin, dass auf das innerlich dynamische oder qualitative Moment des auf der langen Sylbe oder der Arsis ruhenden Accentes keine Rücksicht genommen worden war. Die Intensität oder Stärke dieses Accentes ist nämlich überall eine geringere oder grössere je nach der Anzahl der der Arsis des Fusses in der Thesis gegenüberstehenden kurzen Sylben. Das vollständige Schema jener drei Formen des Versmaasses ist insofern dieses:
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und es findet in ihnen überall ein bestimmtes Gleichgewicht zwischen der Stärke oder der intensiven Gewalt des arsischen Accentes und der Länge oder Extensität der thetischen Hälfte des Fusses statt. Der ästhetische Eindruck jedes einzelnen Fusses also entspringt nicht sowohl aus einem Abwägen der blossen äusseren oder zeitlichen Länge der Arsis und Thesis als vielmehr aus einem solchen des innerlichen oder qualitativen Elementes des Accentes mit dem äusserlichen oder quantitativen der kurzen thetischen Sylbenzahl. Dass diese Verschiedenheit der Stärke des arsischen Accentes nicht eine blosse Fiction ist, geht für uns deutlich hervor da, wo mehrere verschiedene Versfüsse zu einer einzigen Reihe verbunden sind wie z. B. pinifer Olympus et Ossa, wo sich von selbst das Bedürfniss einer allmählichen Abschwächung des Accentes der langen Sylben im Verhältniss zu der verminderten Anzahl der thetischen Kürzen geltend macht. Ueberhaupt also bilden die äusserlich quantitativen Verhältnisse immer nur die eine Hälfte des Wesens der Sache überhaupt und wir erklären es insofern für einen Irrthum, jene Verhältnisse nur an sich oder als solche zu einem Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchung oder einem Maassstab für die Bestimmung des ästhetischen Charakters einer Sache machen zu wollen.
Eine der tiefsinnigsten und richtigsten Bemerkungen der Pythagoreer war die, dass die allgemeinste und wichtigste Eintheilungsform alles Wirklichen die der Entgegensetzung ist und dass überall von zwei einander entgegengesetzten Theilen oder Hälften die eine die ihrem Werth und ihrer Bedeutung nach höhere oder vollkommenere ist oder zu sein scheint, als die andere. Die Entgegensetzung ist an sich die einfachste und elementarischste Art aller natürlichen Eintheilung oder Gliederung des Wirklichen; das denkbar einfachste arithmetische Eintheilungsprinzip ist dasjenige durch die Zahl zwei und es hat eben dieses an dem Verhältnisse der Entgegensetzung seinen näheren lebendigen oder organischen Inhalt. Ueberall aber findet zwischen zwei qualitativ entgegengesetzten Begriffen oder Theilen eines Ganzen zugleich ein gewisser absoluter Unterschied des Werthes oder des höheren und niederen Grades der allgemeinen Vollkommenheit statt. Es ist insofern bei aller Verschiedenheit des Inhaltes der Qualität doch immer ein bestimmtes gleichmässiges oder constantes Verhältniss des Unterschiedes der Quantität oder des Werthes, welches sich durch alle wirklichen Gegensätze hindurchzieht. Wir geben diesem Verhältnisse auch dadurch einen Ausdruck, dass wir denjenigen Begriff, der uns als der höhere oder vollkommenere gilt, regelmässig überall an die erste, den anderen dagegen an die zweite Stelle zu setzen pflegen, so wie wir z. B. sagen: Gott und Welt, Thier und Pflanze, Mann und Weib, Gutes und Böses, Oben und Unten, Rechts und Links u. s. w., nicht aber umgekehrt. Dieses allgemeine Gesetz der qualitativen Entgegensetzung aber erinnert gewissermaassen an die Zeising'sche Regel des goldenen Schnittes als das angenommene oberste Prinzip aller organischen oder lebendigen Eintheilung der Quantität oder des Maasses. Auch dort giebt es überall einen Major und einen Minor oder eine stärkere und eine schwächere Hälfte eines höheren gemeinsamen Ganzen und es darf angenommen werden, dass das Verhältniss dieses doppelten Unterschiedes der Qualität auch innerlich ein ähnliches sein werde als das jenes doppelten Unterschiedes des Maasses oder der Quantität.