So verschiedenartig auch das Schöne in allen seinen einzelnen Erscheinungen sein mag, so ist es doch überall ein bestimmter gleichmässiger Eindruck, der aus demselben in jedem Falle von uns aufgenommen wird. Wir bezeichnen diesen Eindruck im Allgemeinen mit dem Worte des Harmonischen oder Zusammenstimmenden, und es ist derselbe zunächst überall gebunden an ein bestimmtes Verhältniss oder eine Grenze des Maasses der einzelnen Theile der Sache. Die ganzen Beschaffenheiten eines jeden ästhetischen Dinges zerfallen aber überhaupt in zwei verschiedene Kategorieen, einmal in solche der Qualität oder der Art, andererseits in solche der Quantität oder des Maasses. Zunächst aber sind es hauptsächlich die Beschaffenheiten oder Eigenthümlichkeiten dieser letzteren Kategorie, durch welche sich das Kunstwerk oder die ästhetische Sache am Deutlichsten und Bestimmtesten von derjenigen der gemeinen Wirklichkeit unterscheidet. Wir erkennen im Kunstwerk im Allgemeinen dieselben Qualitäten oder Artbeschaffenheiten wieder, die uns auch sonst schon aus der übrigen gemeinen Wirklichkeit her bekannt sind, und es ist eben wesentlich in Bezug auf diese, dass uns das Kunstwerk im Lichte einer Nachahmung oder eines Bildes der letzteren entgegenzutreten pflegt. Am Bestimmtesten aber ist es zunächst die Seite der Quantität oder das Element des Maasses, durch welches sich das Kunstwerk von der Natur und den Verhältnissen des gewöhnlichen Dinges zu unterscheiden pflegt. Eben dieses Element der Quantität unterliegt dort einer bestimmteren und festeren Regelung als hier und es ist wesentlich eben dieser Umstand, auf welchem die ganze höhere Vollkommenheit des Eindruckes des Kunstwerkes gegenüber dem des gewöhnlichen Dinges beruht. Es werden im Kunstwerke zunächst überall nur die gegebenen Qualitäten oder Artbeschaffenheiten der Dinge in eine sicherere und bestimmtere Grenze ihres relativen Maasses eingeschlossen als sonst. Nur insofern erscheint uns das Kunstwerk zunächst als der Ausdruck der höheren und idealen Vollkommenheit der wirklichen Welt, als ein jeder Theil oder ein jedes Ding dieser letzteren in die richtige ihm gebührende Grenze des Maasses im Verhältniss zu den übrigen eingeschlossen und eingeführt wird. Bei der wirklichen Sache sind diese Maassverhältnisse in der Regel in einer mehr oder weniger angeordneten Weise abgewandelt, getrübt und verschoben oder es sind keine reinen und klaren Eindrücke der Proportionen des Maasses, die aus ihr von uns aufgenommen zu werden pflegen. Der Künstler, indem er die Natur nachahmt, thut zunächst wesentlich nichts Anderes als dieses, dass er jeden Theil derselben in die ihm gebührende Grenze des Maasses einzuschliessen und uns insofern einen idealen Eindruck oder ein gereinigtes Bild der ganzen inneren Ordnungsverhältnisse der Sache zu geben versucht. Das Kunstwerk ist insofern wesentlich die Aussage darüber, welches die wahren und eigentlichen Maassverhältnisse der einzelnen ihrem qualitativen Charakter nach verschiedenen Theile und Beschaffenheiten der wirklichen Welt seien und es ist insofern hauptsächlich zunächst dieses ganze Moment der Quantität, auf welchem der allgemeine Unterschied der Kunst von der Natur beruht.
Der Künstler findet mit richtigem Tact die entsprechenden Verhältnisse des Maasses für die einzelnen Theile seines Werkes und es wird dieses letztere von unserem eigenen Gefühl hauptsächlich unter demselben Gesichtspuncte aufgefasst und zu beurtheilen versucht. Die Grenze dieses richtigen Maasses aber ist an und für sich überall eine ganz bestimmte, einfache und feste oder es wird in der Regel auch die geringste Abweichung von derselben lebhaft und deutlich von uns empfunden. Diese Aussprüche und Urtheile unseres subjectiven Gefühles aber über das richtige Maass in den Dingen müssen jedenfalls auch eine bestimmte objective Begründung oder Berechtigung besitzen und es wird in der Auffindung oder Feststellung dieser letzteren immer das eigentliche Ziel und entscheidende Hauptproblem aller wissenschaftlichen Erkenntniss des Schönen erblickt werden müssen. Was zunächst als ein blosser Machtspruch unseres Gefühles erscheint, wird näher wohl immer als die ahnende Erkenntniss eines objectiven Naturgesetzes oder eines an sich bestehenden normalen Grundverhältnisses der Einrichtung alles Wirklichen angesehen werden müssen. Ein solches normales Grundverhältniss glaubt namentlich Zeising in der Regel des goldenen Schnittes aufgefunden zu haben und es scheint diese Regel in der That einen bestimmten inneren oder natürlichen Anspruch auf eine solche ihr zugeschriebene Stellung in sich zu enthalten.
Alle eigentliche und strenge mathematische Regelmässigkeit ist an und für sich nicht fähig, ein Gefühl des Wohlgefallens und der ästhetischen Befriedigung in uns zu erwecken. Auch ist die innere Ordnung des ästhetischen Dinges überall eine specifisch andere als diejenige irgend einer mathematischen Figur. Es ist im Gegensatz hierzu überall der Eindruck des Freien, Natürlichen und Ungezwungenen, den wir aus ihm empfangen. Der blosse Gedanke, dass das Schöne mathematisch bestimmbar sei, hat an und für sich etwas Paradoxes, Feindliches und Verletzendes für uns an sich. Wir fühlen auf der einen Seite das strenge Walten des Maasses in der Einrichtung des Schönen, aber wir müssen uns zugleich auf der anderen Seite sagen, dass die Natur und das Gesetz dieses Maasses ein ganz anderes sein müsse als dasjenige der gewöhnlichen strengen Ordnung und Regelmässigkeit der Mathematik. Im Prinzip scheint es eine Nothwendigkeit für den menschlichen Geist zu sein, anzunehmen, dass das Schöne calculabel oder mathematisch bestimmbar sei; aber es bedarf wahrscheinlich einer anderen Art von Mathematik als der gewöhnlichen, um diese Eigenschaft wirklich an ihm festzustellen und zu ermitteln. Nur das mechanische Ding stimmt in seinen Verhältnissen und Formen unmittelbar und genau mit der gewöhnlichen Regelmässigkeit der Mathematik überein. Daher entbehrt dasselbe im Allgemeinen auch der specifischen Eigenschaft oder des Charakters der Schönheit, ausser insofern derselbe in Gestalt einer ausdrücklichen künstlerischen Zuthat mit ihm in Verbindung gebracht wird. Die Gestalten der mechanischen Dinge sind als solche trocken, eckig und langweilig; sie werden bedingt durch einen praktischen Zweck und gehen im Allgemeinen unmittelbar hervor aus einer Bestimmung oder Berechnung der Mathematik. Das Schöne dagegen ist an sich genommen zwecklos und erinnert uns in seiner Erscheinung überall an die Freiheit und Ungezwungenheit des Lebendigen oder Organischen in der Natur. Alles Wirkliche aber, was der Mensch erschafft, ist im Allgemeinen entweder ein Kunstwerk oder ein mechanisches Ding. Auch diese letzteren Gegenstände aber haben immerhin ein gewisses ästhetisches Interesse. Sie sind weder in dem Sinne Bilder und Nachahmungen der äusseren Wirklichkeit als die Werke der Kunst, noch sind sie auch in der eigentlichen und unmittelbaren Bedeutung des Wortes schön. Es giebt aber überhaupt nichts Wirkliches, welches alles ästhetischen Interesses für uns entbehrte. Auch diesen mechanischen Dingen liegen zum Theil ähnlich wie den Werken der Kunst gewisse Motive der Nachahmung oder des Anschlusses an einzelne Vorbilder der Natur und des wirklichen Lebens zu Grunde. Viele dieser mechanischen Dinge sind theils gleichsam Objectivirungen einzelner Organe oder Bewegungen des menschlichen Körpers, theils weisen sie auf bestimmte Urbilder oder Typen in der äusseren Natur hin. Das Werkzeug des Hammers z. B. ist gleichsam vorgebildet in der geballten Faust und dem diese erhebenden Vorderarm des menschlichen Körpers, ebenso der Bohrer in dem sich in irgend einen weichen Stoff eingrabenden Finger der Hand. Die Scheere hat ihren Urtypus in den Organen des Krebses; das von Rudern und Segeln getriebene Schiff ist gleichsam eine Combination des doppelten natürlichen Vorbildes des schwimmenden Fisches und des die Luft durchschneidenden Vogels; die Gestalt des Wagens erinnert an diejenige der auf der Erde wandelnden vierfüssigen Thieres; in der Detonation des Geschützes ist es gleichsam die Naturerscheinung des Gewitters, welche von dem Menschen nachgeahmt und in die Sphäre seiner eigenen Erfindungen übergetragen wird. Alles dieses hat insofern noch einen tieferen Sinn und ein weiteres an Beziehungen reiches Interesse; der Mensch schafft sich in allen diesen Dingen gleichsam die Knechte und den umgebenden Hofstaat seiner eigenen Person, und es ist ausser dem blossen praktischen Zweck immer noch irgend ein anderweites künstlerisch nachahmendes und geistig ästhetisches Interesse hierbei im Spiel. Wir stellen auch dieses ganze Gebiet als eine besondere Provinz des elementarischen ästhetischen Erkennens hin, indem es, wenn gleich von dem des Schönen verschieden, doch mit in die allgemeine Kategorie der ästhetisch interessanten und sinnvoll bedeutsamen Erscheinungen fällt.
Die Natur des Kunstwerkes ist im Allgemeinen die eines idealen und von allem Zufälligen gereinigten Abbildes der allgemeinen Gesetze und Einrichtungsverhältnisse des wirklichen Lebens. Das innerste Einheitsgesetz der Kunst und des Schönen wird insofern kein anderes sein können als dasjenige der Natur oder des wirklichen Lebens selbst. Die Frage nach einem höchsten Einheits- oder Organisationsgesetz alles Wirklichen aber ist allerdings immer eine der tiefsten und wichtigsten in dem ganzen Umfange der Philosophie. Zeising legt seinem Prinzipe des goldenen Schnittes in einem gewissen Sinne die Eigenschaft eines solchen Gesetzes bei, indem er dasselbe im weitesten Umfange nicht blos der künstlerischen sondern auch der natürlichen Erscheinungen als höchste Norm aller Eintheilung nachzuweisen versucht. Ebenso sah Hegel in seinem Prozesse der logischen Dreigliederung das oberste und umfassendste Eintheilungsgesetz alles Wirklichen. So verschiedenartig aber auch die ganzen Ordnungen und Erscheinungsformen des Wirklichen sind, so ist es doch immerhin möglich, dass ihnen allen ein bestimmtes höchstes Einheitsgesetz zur Grundlage diene. Die Lehren Zeisings, Hegels u. A. hierüber haben zunächst überall nur einen einseitigen oder provisorischen Werth. Inwiefern es überhaupt ein derartiges Gesetz giebt, so wird dasselbe nur ein so einfaches sein können, dass es sich mit einer unmittelbaren Nothwendigkeit aus dem ganzen Prinzip oder der Idee einer jeden natürlichen Eintheilung oder Gliederung ergiebt. Wir weisen hierbei entschieden jede Einseitigkeit und Willkürlichkeit des philosophischen Constructionsverfahrens von uns ab, indem wir blos aus der einfachen Natur der Sache selbst den richtigen Weg zur Lösung jenes Problemes aufzufinden versuchen.
In der Geschichte der Philosophie haben zuerst die Pythagoreer sich mit der Frage nach der allgemeinen Einheit und Ordnung des Wirklichen beschäftigt. Ihnen galt zunächst die Zahl als der oberste Ausdruck oder als das Symbol aller weiteren geistigen Ordnung der wirklichen Dinge. Wir erblicken in diesem Gedanken die erste noch unvollkommene Ahnung einer tiefen und umfassenden wissenschaftlichen Wahrheit, die theils bis jetzt schon durch viele Entdeckungen ihre Bestätigung gefunden hat, theils später vielleicht noch in weiterem Umfange bestätigt werden wird. Es wird wohl so sein, dass alles Geordnete und Organische in der Welt zuletzt mit auf Zahlenverhältnissen beruht oder von der Art ist, dass es an und für sich auch mathematisch bestimmt und berechnet werden kann. Der Umfang dieses mathematischen Elementes in der Wirklichkeit ist vielleicht noch ein grösserer als jetzt von uns angenommen oder vermuthet wird. Die Zahl ist unter allen Umständen immer das festeste und bestimmteste Element alles wissenschaftlichen Erkennens. Alle andere Ordnung im Wirklichen ist wahrscheinlich zuletzt auch eine mathematisch bestimmte und es hat insofern der Gedanke nichts Auffallendes, dass auch das Kunstwerk oder das Schöne als der ideale Ausdruck aller anderen Ordnung in der Natur etwas in seinen Verhältnissen an und für sich mathematisch zu Bestimmendes oder zu Berechnendes sei. Auch die Pythagoreer selbst haben durch die mathematische Bestimmung der Intervalle der Töne zuerst diesen Weg der wissenschaftlichen Erkenntniss des Schönen betreten. Es ist aber vor Allem nothwendig, sich über die mögliche Stellung und Bedeutung dieses mathematischen Elementes in der Einrichtung aller wirklichen Dinge eine sichere Rechenschaft abzulegen.
Alle Beschaffenheiten der wirklichen Welt zerfallen ebenso wie diejenigen des Kunstwerkes in die beiden allgemeinen Kategorieen der Qualität und der Quantität oder der Art und des Maasses. Jeder Theil eines natürlichen Ganzen aber besitzt ein bestimmtes Maass und es ist dieses überall seinem besonderen innerlich qualitativen oder Artcharakter gemäss. Zwischen den Beschaffenheiten der Qualität und denen der Quantität in den Dingen findet überall ein bestimmter nothwendiger und organisch gesetzlicher Zusammenhang statt. Bei einer jeden natürlichen Sache oder einem organischen Ganzen tritt uns zugleich ein bestimmtes System von Artcharakteren und ein anderes mit diesem verbundenes von Verhältnissen des Maasses entgegen. Eine jede Sache in der Natur darf auf Grund ihres Artcharakters überall nur ein bestimmtes Maass in der Mitte aller anderen zu ihr gehörenden oder ihr ähnlichen Dinge erreichen. Wir prüfen und betrachten daher die Verhältnisse des Maasses wesentlich niemals für sich allein, sondern überall nur insofern als sie sich mit den Verhältnissen der Verschiedenheiten der Art verbinden und diesen gleichsam zu einem charakteristischen Ausdruck oder einer Erscheinung ihres inneren Wesens oder Werthes zu dienen scheinen. Bei der Betrachtung der Verhältnisse des menschlichen Körpers z. B. sind es keinesweges allein die äusseren Proportionen des Maasses als solche, sondern dieselben nur in Verbindung oder als eine Inhärenz der qualitativen Unterschiede der Art oder des Wesens der einzelnen Theile, auf welche sich unser Interesse richtet, oder die den Gegenstand unseres ästhetischen Wohlgefallens an der natürlichen oder der künstlerischen Erscheinung dieser ganzen Gestalt bilden. Der Kopf z. B. hat hier einen im Verhältniss geringen Umfang des Maasses, aber er ist in qualitativer Beziehung der bedeutungsvollste und wichtigste Theil des menschlichen Körpers und es ist darum sein Werth für die Gesammterscheinung des letzteren wesentlich der gleiche als derjenige des Ganzen aller übrigen Theile. Es sind ferner die obere und die untere Hälfte des menschlichen Körpers auch qualitativ oder ihrem inneren Wesen nach von einander verschieden und es sind insofern keinesweges allein die quantitativen Proportionen des Maasses, welche bei der Beurtheilung dieses Verhältnisses in Betracht kommen können. Das Maass ist bei allem Wirklichen überall nichts als eine Inhärenz oder eine begleitende Erscheinung der Art, und es ist insofern ein einseitiges und ungerechtfertigtes Verfahren, die Dinge in Rücksicht des ästhetischen Charakters ihrer äusseren Erscheinung allein unter dem Gesichtspunct der äusserlichen Maassverhältnisse ihrer einzelnen Theile auffassen und wissenschaftlich begreifen zu wollen. Hieran scheinen auch die im Uebrigen verdienstvollen Untersuchungen Zeisings über den goldenen Schnitt die Grenze ihrer Wahrheit und Berechtigung zu finden. Das wirkliche Ganze oder das lebendige Ding ist überall eine complexe Einheit von Beschaffenheiten der Art und von solchen des Maasses und es ordnen sich wie es scheint die wirklichen Maassverhältnisse der einzelnen Theile desselben niemals oder doch blos selten und in einer unvollkommenen Weise so ganz einfach dem Gesetz oder der Regel irgend einer mathematischen Proportion unter als etwa diejenigen einer Maschine oder eines sonstigen mechanischen Dinges, welche in der Regel unmittelbar und direct nach einer solchen ausgemessen und festgestellt worden sind.
Wir versuchen die Bedeutung dieses von uns aufgestellten Satzes an einem bestimmten Beispiele deutlich zu erläutern. Nach der Theorie der antiken Metriker gab es im Versmaass drei an und für sich wohlgefällige Verhältnisse, welche in dem dreifachen Zahlenverhältniss: 2 : 1, 2 : 2, 2 : 3 ihren Ausdruck fanden. Dieses waren die drei allgemeinen Versmaasse oder metrischen Stilgattungen, das trochäische, daktylische und päonische, welche auf dem dreifachen Sylbenschema:
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