Auch jeder Ton ist allerdings in gewisser Weise charakteristisch und sinnbildlich bedeutsam. In Bezug auf die Aesthetik des Tones aber gelten zum Theil andere Gesetze und Regeln als in Bezug auf diejenige der Farbe. Es ist an sich auch hier eine unrichtige Auffassung oder Meinung als ob unser Interesse an der Musik in dem blossen Wohlgefallen an den sogenannten reinen oder formalen Verhältnissen der Töne als solchen seinen Grund habe. Das Beispiel der Musik ist in der Regel dasjenige, welches in erster Linie für die sogenannte formalistische Weise der Auffassung und Erklärung des Schönen angeführt zu werden pflegt. Es ist wahr, die Musik stellt an sich nichts anderes Wirkliches und ausser ihr Liegendes dar als nur sich selbst; sie ist nicht eine eigentlich nachahmende Kunst so wie die Plastik und Malerei, sondern sie besteht an und für sich nur in leeren und formalen vom menschlichen Geiste selbst geschaffenen Verhältnissen oder Zusammenstellungen von Tönen. Die Musik prätendirt nicht so wie jene anderen Kunstformen ein getreues Bild irgend einer anderen objectiven Wirklichkeit zu sein und es leidet insofern der ganze Begriff der künstlerischen Naturnachahmung zunächst auf sie keine Anwendung. Sie will vielmehr beurtheilt sein allein aus sich selbst und ihren eigenen inneren Verhältnissen. Eine Dissonanz oder ein ästhetisches Missverhältniss in ihren Theilen genügt sie zu verurtheilen oder ihre künstlerische Wirkung auf uns aufzuheben. Dasselbe ist nicht ganz in dem gleichen Grade der Fall bei jenen eigentlich nachahmenden oder sich direct an irgend ein wirkliches Urbild anschliessenden Arten der Kunst. Diese werden zunächst immer mehr beurtheilt nach ihrer Uebereinstimmung mit dem gegebenen äusseren Object als aus ihren eigenen inneren rein formalen Verhältnissen allein. Wir sehen hier leichter über irgend ein blos formales Missverhältniss hinweg als dort, weil unsere Aufmerksamkeit sich in erster Linie auf den sachlichen Inhalt oder das dargestellte materielle Object selbst richtet. Die Musik dagegen besteht wesentlich nur in Formen und es ist deswegen in ihr das Formgesetz an sich auch ein reineres und strengeres als in irgend einer anderen Kunst. Bei einer jeden anderen Art des Schönen unterscheidet sich das Kunstwerk von der natürlichen Wirklichkeit wesentlich nur durch die reinere, einfachere, vollkommenere und durchsichtigere Grenze der Form, in welche es den gegebenen Inhalt oder das sachliche Vorbild von dieser einschliesst, während bei der Musik das Kunstwerk selbst überall nur aus reinen, leeren, unwirklichen oder subjectiv idealen Formverhältnissen zu bestehen scheint. Es ist aber auch hier eigentlich trügerisch, als ob die Musik nichts weiter sei oder darstelle als nur sich selbst. Auch die Musik ist an sich eine darstellende oder nachahmende Kunst in Bezug auf das innere oder subjective Empfindungsleben der Seele. Sie verhält sich zu dieser Region an sich ähnlich wie die Plastik und Malerei zu den sichtbaren oder räumlichen Dingen der äusseren Welt. Auch eine jede musikalische Composition ist an sich der Ausdruck und die Erscheinung einer bestimmten Empfindungsbewegung der menschlichen Seele. Allerdings sind diese von der Musik dargestellten Empfindungen nicht etwas so bestimmt Gegebenes und fest Begrenztes als die äusseren oder sichtbaren Dinge im Raume und sie werden auch wesentlich immer erst durch diese bestimmte Musik in uns hervorgerufen oder erzeugt. Man kann nicht so bestimmt sagen, was irgend ein musikalisches Werk darstelle oder bedeute, als dieses bei einem plastischen oder malerischen Kunstwerke der Fall ist. Aber immer schliessen doch hier die Formverhältnisse der Töne irgend einen weiteren geistigen Gehalt oder eine tiefere über sie hinausreichende Bedeutung in sich ein. Auch die Musik ist gewissermaassen immer eine Sprache von Tönen, die uns irgend etwas Weiteres mittheilt oder eine ferner, weite zu ihr gehörende Empfindung in uns erweckt. Es ist also überhaupt unrichtig zu sagen, dass unser Wohlgefallen am Schönen sich auf das blosse Element der Form oder der äusseren Verhältnisse seiner einzelnen Theile gründe; auch diese Verhältnisse selbst haben überall einen tieferen Werth oder drücken irgend etwas Weiteres und Ferneres aus als was sie unmittelbar und an sich selbst genommen sind. Sowohl die einzelnen und einfachen Elemente des sinnlichen Wahrnehmens als auch die ganzen Verhältnisse und Compositionen derselben bedeuten überall noch etwas Anderes und Weiteres für uns als was sie an sich selbst sind. Jeder sinnliche Schein ist Ausdruck und Hindeutung auf etwas Geistiges. Es gilt dieses selbst auch von den Eindrücken und Wahrnehmungen der niederen Sinne des Menschen. Diese rufen zunächst allerdings blos bestimmte physische Wirkungen und Erregungen in uns hervor, die aber doch zugleich auch gewissen geistigen Anschauungen und Stimmungen homogen sind. Die niederen Sinneswahrnehmungen und überhaupt die Zustände des Körpers bilden die Basis für das höhere oder geistige Empfindungsleben der Seele und es hat alles hierhin Gehörige wenigstens immer einen mittelbaren und indirecten ästhetischen Werth.
Auch der Ton aber hat an sich bestimmte einfache und letzte wurzelhafte Elemente ebenso wie die Farbe. Es sind allerdings im Ganzen hier mehr die Verhältnisse der einzelnen Elemente, auf die sich unser Interesse gründet, als bei der Farbe. Jede einzelne Farbe ist mehr an sich etwas Werthvolles und Bedeutsames für uns, während der Ton mehr als ein Ganzes oder eine fliessende Reihe einzelner Elemente und Abstufungen einen Werth für uns hat. Die Farbe ist an sich überall mehr die Hindeutung auf einen bestimmten und eigenthümlichen hinter ihr stehenden geistigen oder ideellen Werth, während der einzelne Ton sich mehr dienend als ein blosses Glied in eine ganze Kette oder Reihe von Tonbewegungen einordnet. Es hängt dieses zusammen damit, dass die Wahrnehmung der Farbe wesentlich dem Elemente des Nebeneinander, die des Tones demjenigen des Nacheinander angehört. Aller geordnete und in regelmässiger Weise gegliederte Ton aber ist entweder Sprache oder Musik und es hat ein jedes dieser beiden Gebiete für uns einen bestimmten und eigenthümlichen ästhetischen Werth. Die sinnliche Erscheinung der Sprache aber ist allerdings nichts im künstlerischen Sinne des Wortes Aesthetisches für uns so wie diejenige der Musik. Sie ist unmittelbar genommen nur Ausdruck oder Zeichen des begrifflichen Denkens und es knüpft sich an den Klang derselben für uns nur ein äusserliches und gelegentliches ästhetisches Interesse an. Das was die Sprache für uns anzeigt oder bedeutet, ist zunächst nur etwas in zufälliger oder conventioneller Weise mit ihr Verbundenes. Die Bedeutung des musikalischen Tones wird in unmittelbarer oder natürlicher Weise von uns empfunden, während diejenige des sprachlichen erst künstlich und mechanisch von uns erlernt werden muss. Die Musik ist an sich der natürliche Ausdruck des Empfindens, die Sprache derjenige des Denkens der menschlichen Seele. In diese doppelte Abtheilung aber zerfällt an sich alles reine oder innere Leben der menschlichen Seele. Der Ton ist an sich das in specifischer Weise dem inneren Seelenleben adäquate Element. Aller geordnete Ton in der Welt aber ist überhaupt nur derjenige, welcher dem Menschen theils in der Sprache und dem Gesang seiner Stimme, theils in den künstlichen von ihm erfundenen musikalischen Instrumenten angehört. Die Ordnung des sprachlichen Tones aber beruht wesentlich auf dem Prinzipe der Articulation, die des musikalischen auf dem der Modulation des Lautes in seine einzelnen Glieder oder Elemente. Articulation aber ist Gliederung des Tones in einzelne dem Artcharakter nach verschiedene Theile oder Elemente, während die Modulation in der Gliederung desselben in einzelne dem Grade der Erhöhung und Vertiefung nach verschiedene Abstufungen oder Elemente besteht. Der sprachliche Ton zerfällt in ein System einzelner generell verschiedener Classen und Individuen des Lautes, während jeder musikalische Ton an sich einartig ist und nur einer Gliederung oder Abstufung nach Unterschieden des Grades unterliegt. Diese gradweise steigende und fallende Erhöhung und Erniedrigung des musikalischen Tones aber ist das natürliche Bild oder gleichsam die Sprache des Empfindens der Seele, welches ebenso in einem gradweise anschwellenden und nachlassenden Auf- und Niederwogen unseres ganzen inneren Vorstellens besteht. Die Sprache hingegen oder das articulirende Lautelement ist ebenso der natürliche Ausdruck des sich auf die begrifflichen Allgemeinheiten und generellen Qualitäten der äusseren Wirklichkeit beziehenden und gründenden Denkens der menschlichen Seele. Das Empfinden der Seele gehört wesentlich immer uns selbst oder unserer eigenen inneren Subjectivität an, während das Denken sich wesentlich auf den gegebenen Inhalt der äusseren Objectivität bezieht und aus diesem seine allgemeinen Begriffe und Abstractionen schöpft. Alles Denken ist selbst eine Art von geistiger Articulation, indem es in einer Gliederung oder Unterscheidung des wirklichen in seine eigenen allgemeinen geistigen Elemente oder Artcharaktere besteht. Denken und Articulation des Lautes sind zwei natürlich verwandte und innerlich correlate Erscheinungen im geistigen Leben des Menschen. Die Natur aber macht in allen ihren Tönen allerdings gewisse Versuche, sich sowohl zu einer Modulation als einer Articulation des Lautes zu erheben, d. h. es treten uns wohl Anklänge an beides in den natürlichen Lauterscheinungen entgegen, aber ohne sich jemals zu der reinen und specifischen Vollkommenheit beider Prinzipe im Leben des Menschen zu läutern. Aller natürliche Ton ist ein unklarer, chaotischer und verschwommener. Hier hat der Ton selbst noch keinen seiner specifischen Vollkommenheit adäquaten Werth oder Gehalt; er empfängt diesen erst in der Sphäre des Seelenlebens des Menschen und es ist insofern in allem geordneten Ton etwas specifisch Geistiges oder der unmittelbare Ausdruck eines in sich geordneten und gegliederten Vorstellungslebens enthalten.
Auch den einzelnen articulirten Lauten der Sprache aber wohnt an und für sich selbst überall eine bestimmte anschaulich empfindungsmässige Bedeutung oder ein gewisser ästhetischer Werth für uns bei. Denn auch die Sprache ist ebenso wie die Musik wenigstens an und für sich und in einem gewissen Sinne des Wortes zugleich etwas Malerisches in Bezug auf den menschlichen Geist und sein inneres Leben. Auch in der Sprache ist ursprünglich wenigstens immer ein bestimmtes nachahmendes und abbildendes Prinzip oder Bestreben enthalten gewesen. Es sind nicht wie bei der Musik allein die reinen und unmittelbaren inneren Empfindungen der Seele selbst gewesen, welche den Gegenstand oder Stoff dieser Nachahmung der Sprache gebildet haben. Der sprachliche Laut hat sich zunächst überall angeschlossen an irgend ein äusseres oder objectiv gegebenes Moment der Bewegung, der Erscheinung oder des Tones. Die Sprache ist an sich und von Anfang an mehr ein Bild der Welt und ihrer äusseren Erscheinungen und Dinge als wie die Musik ein solches der inneren Bewegungen und Vorgänge des Lebens der Seele. Sie schliesst sich insofern mehr an die eigentlich objectiven Gebiete und Arten des menschlichen Nachahmens und Darstellens, die Plastik und die Malerei, an, nur dass sie nicht so wie diese von räumlicher oder sichtbarer, sondern von zeitlicher und hörbarer Natur ist. Die Vorgänge der Bewegung und des Tones in der äusseren Welt forderten den menschlichen Geist zuerst zu gewissen Versuchen der Nachahmung heraus und es sind hieraus zuerst alle Anfänge der Sprache entstanden. Allerdings war hier die Menge des Nachzuahmenden verhältnissmässig nur eine geringe und es haben von diesen wenigen Momenten aus die lautlichen Mittel oder Zeichen für die Vertretung aller anderen uns umgebenden Dinge und Beschaffenheiten festgestellt werden müssen. Die Sprache ist jetzt ein System von Worten oder lautlichen Zeichen für den ganzen Umfang der allgemeinen Kategorieen der Dinge und Erscheinungen der äusseren Welt; aber sie ist zur Erschaffung desselben ursprünglich durch eine Nachahmung des zeitlichen, tönenden oder sich sonst irgendwie an den inneren Stimmlaut anschmiegenden Elementes in der äusseren Welt hingeführt worden. Ausgeschlossen ist hierbei nicht, dass auch innere Empfindungsbewegungen der Seele, inwiefern sie sich direct oder indirect an äussere Momente des Wahrnehmens anschliessen, den Gegenstand dieses Nachahmens gebildet haben. In der Sprache verbindet sich insofern das doppelte Prinzip der Nachahmung im objectiven und im subjectiven Sinne des Wortes, wie es ausserdem einmal in der plastisch-malerischen, andererseits in der musikalischen Kunst seinen specifischen Ausdruck findet, obgleich auch hier überall der ersteren die Nachahmung des inneren Empfindens und der letzteren diejenige der äusseren Bewegungen und Vorgänge keinesweges vollkommen fremd ist. Die Sprache überhaupt hat jedenfalls, trotzdem dass sie gegenwärtig ein festgestelltes conventionelles Zeichen unseres Denkens ist, in ihren Erscheinungen einen bestimmten ästhetischen Werth und bildet insofern einen Gegenstand des wissenschaftlich-ästhetischen Interesses, indem sie so wie jedes andere Kunstwerk zunächst aus einem Versuch und Bestreben des Nachahmens der wirklichen Welt nach ihrer Abspiegelung im Empfinden der menschlichen Seele entspringt.
Das Verhältniss der beiden Lautclassen der Vocale und der Consonanten in der Sprache hat eine gewisse Aehnlichkeit mit demjenigen des allgemeinen Gegensatzes auf dem Gebiete der Farbe, des Weiss und des Schwarz oder überhaupt des Hellen und des Dunkeln. Der Vocal bildet gleichsam das Element des Lichtes, der Consonant dasjenige des Schattens in der ästhetischen Einrichtung oder Erscheinung der Sprache. So wie bei einem Gemälde der Schatten oder die dunkleren Theile und Parthieen von uns nur erkannt werden durch ihre Begrenzung mit dem Hellen oder dem Licht, ebenso wird auch das consonantische Element in der Sprache von uns nur erkannt oder hörbar wahrgenommen durch seine Begrenzung mit demjenigen des Vocales. Auch die Sprache ist gleichsam ein fliessendes Lautgemälde, welches aus einem fortwährenden Wechsel der beiden allgemeinen Grundverschiedenheiten des helleren und des dunkleren oder des aus sich selbst tönenden und des von diesem anderen gezeigten oder getragenen Lautelementes besteht. Die nähere Gruppirung oder Vertheilung dieser beiden Elemente ist in jeder Sprache mehr oder weniger eine verschiedene und es besitzt in Folge davon eine jede derselben einen eigenthümlichen ästhetischen Charakter, in welchem sie zugleich immer zu einem bedeutsamen Ausdruck der Geistesart oder Anschauungsweise eines bestimmten Volkes wird. Auch jeder einzelne Laut als solcher hat nicht weniger als jede einzelne Farbe für unsere Auffassung einen bestimmten ästhetischen Werth. Es ist auch gewissermaassen immer etwas Typisches für unser Empfinden in ihnen enthalten. Sie lassen sich selbst zum Theil auf bestimmte Typen und Vorbilder des natürlichen Lautes zurückführen. Es dürfte bedenklich sein, ohne Weiteres eine bestimmte Analogie zwischen dem System der einzelnen Farben und demjenigen der articulirten Laute nachweisen zu wollen. Jede einzelne Art des Aesthetischen ist gewissermaassen etwas Besonderes und Eigenartiges für sich. Jedenfalls aber schliesst sich der sprachliche Ton oder das articulirende Lautelement näher an das Wesen und den Charakter der Farbe an als der modulirende Ton des Gesanges und der Musik. Dieser letztere ist weit mehr im eigentlichen Sinne des Wortes fliessend oder in specifisch zeitlicher Weise ausgedehnt und gegliedert als jener. Zwischen Musik und Farbe steht der sprachliche Laut gewissermaassen als etwas Verbindendes in der Mitte. Die Sprache selbst ist gleichsam ein Lautgemälde der äusseren Welt und ihrer Auffassung durch die Begriffe und das Denken des menschlichen Geistes. Sie ist nicht in dem Sinne etwas eigentlich Künstlerisches wie auf der einen Seite die reine Kunst des Tones oder die Musik und auf der anderen die Malerei oder diejenige der Farbe. Aber ihre Elemente haben doch auch an sich immer einen bestimmten ästhetischen Werth und es ist keinesweges allein das Gebiet des eigentlich Schönen und der Kunst, auf welches sich die Anwendung und das ganze Interesse des ästhetischen Erkennens unserer Seele bezieht.
Es ist überhaupt theils eine Erweiterung, theils eine Umgestaltung des ganzen Begriffes der Aesthetik, welche hiermit von uns anzubahnen gestrebt wird. Das Schöne ist an sich blos dasjenige Sinnliche, welches eine ganz besonders edle und erhabene Empfindung oder ein Gefühl des specifischen Wohlgefallens und der höchsten inneren Befriedigung in uns hervorzurufen geeignet ist. Auch alles andere niedere und gemeine Sinnliche aber hat an sich einen Werth oder eine Bedeutung für unser Empfinden. Es ist daher falsch, das Schöne allein und ohne Weiteres als Gegenstand oder Object der Wissenschaft vom Empfinden zu bezeichnen. Es giebt noch einen weiteren Vorhof anderer an sich unbedeutenderer Gegenstände und Wahrnehmungen unseres empfindenden Erkennens. In gewissem Sinne aber ist allerdings alle Empfindung eine Art von dunkler Vorahnung der höheren, vollkommeneren und klareren Erkenntnissweise des Denkens. Alles menschliche Erkennen nimmt seinen Anfang mit den Eindrücken, welche wir durch das Empfinden von Aussen her empfangen. Nur aus diesen Eindrücken entspringt zuerst alles weitere und höhere menschliche Bewusstsein und Denken. Das Begreifen dieser Eindrücke selbst nach dem ihnen an sich beiwohnenden Werth oder ihrer reinen geistigen Bedeutung ist es, worin die wahrhafte Aufgabe der ganzen Wissenschaft der Aesthetik besteht.
10. Das allgemeine Gesetz der ästhetischen Form.
In der Aesthetik überhaupt wird immer eines der wichtigsten Gebiete des ganzen menschlichen Geisteslebens erblickt werden müssen. In ihr berührt sich im Allgemeinen das doppelte Interesse und Bildungsprinzip der Wissenschaft und der Kunst mit einander. Wissenschaft und Kunst bilden einen doppelten verschiedenartigen Typus und Quell aller höheren Bildung des menschlichen Geistes. An den Gegenständen, Fragen und Interessen der Kunst aber nimmt das grössere gebildete Publikum im Ganzen ein mehr unmittelbares und lebendiges Interesse als an denjenigen der Wissenschaft. Die Kunst ist an sich für Alle im Volk ohne Weiteres bestimmt, während die Wissenschaft mehr das besondere Eigenthum einzelner ausschliessend hierzu berufener Kreise zu bilden pflegt. Hier bildet insbesondere nur die Philosophie mit allen zu ihr gehörenden weiteren Fragen und Interessen ein solches Gebiet, welchem auch die grössere Menge der Gebildeten im Volke wenigstens in gewissem Sinne eine Theilnahme zu schenken gewohnt ist. Die historischen Grössen der Philosophie unter uns, Kant, Fichte, Schelling, Hegel u. A., gehören wesentlich mit in die Kategorie der allgemeinen geistigen Heroen der Nation und es haben ihre Lehren theils mittelbar durch die Einwirkung auf die übrige Wissenschaft, theils unmittelbar oder durch sich selbst einen entscheidenden Einfluss auf den ganzen Fortschritt des geistigen Lebens derselben ausgeübt. Dieser Einfluss der Philosophie aber hat sich wie nach anderen Richtungen des Lebens, so namentlich mit auf diejenige der Erfassung des Schönen und des künstlerischen Gestaltens und Schaffens erstreckt. Die Aesthetik ist an sich das populärste oder das dem Standpuncte der allgemeinen menschlichen Geistesbildung am Leichtesten zugängliche Gebiet des philosophischen Denkens. Der Gebildete hat nicht blos das Bedürfniss, das Schöne zu geniessen, sondern auch über dasselbe nachzudenken und sich gesellig zu unterhalten. Alle höhere und elegante Geistesbildung liegt wesentlich zwischen den beiden einzelnen Gebieten der Kunst und der Wissenschaft oder der Philosophie in der Mitte. Wir versuchen gleichsam überall, dasjenige was wir durch die Empfindung aufgenommen haben, in die Sprache des Gedankens einzuführen und durch sie Anderen mitzutheilen. Das Empfindungsmässige ist also überhaupt zugleich durch den Gedanken erkennbar oder es setzt alle Aesthetik überhaupt eine gewisse Homogenität des Empfindens mit dem Denken voraus. Wir erkennen insofern immerhin den Standpunct Baumgartens, der in der Aesthetik eine allgemeine Wissenschaft vom menschlichen Empfinden sah, als einen berechtigten an. Es ist zuletzt eine leere und nichtssagende Phrase, dass unser Interesse und Wohlgefallen am Schönen sich blos auf die reine und leere Vollkommenheit seiner Form oder seiner äusseren harmonischen Erscheinung gründe. Auch das eine schöne Formverhältniss gefällt und berührt uns überall in einer anderen Weise als das andere. Alles Sinnliche ist überhaupt gleichsam eine wirkliche und lebendige Sprache für unser Empfinden und es muss dasselbe in seiner inneren Natur und Einrichtung in einer ganz ähnlichen Weise von uns aufgefasst und erkannt werden als die wirkliche äussere Erscheinung unseres Denkens in den Worten und Formen der Sprache.
Jedes Gebiet des menschlichen Geisteslebens hat an sich irgend ein bestimmtes höchstes und oberstes Gesetz, welches den ganzen weiteren Umfang seiner Erscheinungen beherrscht und in welchem die allgemeine Einheit und Richtschnur seiner ganzen Auffassung und Beurtheilung durch uns enthalten liegt. Es giebt ein oberstes Gesetz für unser logisches Denken und ein solches für unser sittliches Handeln; ebenso muss es an sich auch ein solches Gesetz geben für unser Empfinden oder für unsere ganze Auffassung des Schönen. Alle an sich schönen Dinge sind in einer specifischen Weise unterschieden und begrenzt gegenüber denjenigen, die derselben Eigenschaft entbehren. Das specifische Kennzeichen des Schönen aber beruht zunächst überall nur in dem Elemente der Form oder der äusseren Verhältnisse der Theile eines Ganzen. Es findet hier oft eine sehr feine aber bestimmte Grenze statt, durch die sich die schöne Sache von der nicht schönen unterscheidet. Hauptsächlich aber sind es zunächst bestimmte Verhältnisse der einzelnen Theile, an welche der ganze Charakter des Schönen in einer Sache gebunden erscheint. Auf diesen Umstand hat sich die Meinung begründet, dass das Schöne in den Verhältnissen seiner einzelnen Theile messbar oder berechenbar sein müsse. Diese Meinung hat zunächst in der ältesten ästhetischen Lehre, welche die Geschichte kennt, in der der Pythagoreer, ihren Ausdruck gefunden. Die Pythagoreer bemerkten die Bedeutung des Zahlenelementes zuerst namentlich auf dem Kunstgebiete der Musik. Das Wohlgefällige oder Schöne ist hier in untrennbarer Weise gebunden an ein bestimmtes mathematisches Verhältniss der Töne. Auch sonst aber fühlen wir überall die Bedeutung und das entscheidende Gewicht des Elementes des Maasses in den Verhältnissen des Schönen. Es widerspricht an und für sich unserer Vorstellung von einem ästhetischen Ganzen oder einem Kunstwerk, dass sich dasselbe ähnlich wie eine Maschine müsse mathematisch bestimmen oder berechnen lassen. Nichtsdestoweniger weisen in der Einrichtung des Kunstwerkes eine Menge von Erscheinungen auf eine solche Analogie hin und es wäre auch offenbar die Spitze oder der Triumph alles wissenschaftlichen Erkennens des Schönen, wenn es jemals gelange, irgend ein bestimmtes Kunstwerk in den sämmtlichen Maassverhältnissen seiner Theile in einer vollkommen genauen und exacten mathematischen Weise zu bestimmen. Es sind in der neueren Zeit bestimmte dahin gehende Versuche angestellt worden. Insbesondere gehören hierzu die Forschungen Zeisings über das Verhältniss des sogenannten goldenen Schnittes. Dieses Verhältniss, nach welchem von zwei ungleichen Hälften einer Sache die kleinere oder der minor sich zu der grösseren oder dem major verhält wie dieser letztere zur Summe von beiden oder zum Ganzen, besitzt offenbar eine hervorragende Bedeutung in der Einrichtung und den Proportionen aller ästhetischen und überhaupt auch der organischen oder lebendigen Dinge. Zeising erblickt in demselben gleichsam den unbedingten Schlüssel zu der Auflösung aller wohlgefälligen und künstlerischen Proportionen. Ich lege selbst diesem Prinzip einen entscheidenden Werth bei, aber ich bin nicht mit Zeising der Meinung, dass mit demselben das Schöne ohne Weiteres in seinen ganzen Verhältnissen bestimmt oder ausgemessen werden könnte. Die Aesthetik ist zuerst eine Wissenschaft aus Gedanken oder Begriffen; sie hat sich vor Allem der ganzen Prinzipien für die Behandlung ihres Stoffes bewusst zu werden. Es lässt sich nicht Alles am Schönen ohne Weiteres mathematisch ausmessen, bestimmen oder berechnen. Aus den Forschungen Zeisings geht vielleicht mit Sicherheit nur so viel hervor, dass die Proportion des goldenen Schnittes ein gewisses mittleres Durchschnittsmaass der schönen oder wohlgefälligen Verhältnisse bilde, aber es schliesst sich dieselbe keinesweges überall in einer genauen und stricten Weise an die Wirklichkeit dieser letzteren an. Jedes einzelne Schöne ist überhaupt in seinen ganzen Verhältnissen immer etwas Besonderes und Eigenartiges für sich; auch die Verhältnisse des Maasses seiner Theile bilden überall nur eine bestimmte einzelne Seite oder Beschaffenheit seines Wesens im Ganzen. Wir sind durchaus der Ansicht, dass die Aesthetik eine wesentlich beobachtende oder sich an die gegebene Wirklichkeit der einzelnen Erscheinungen ihres Gebietes anschliessende Wissenschaft sein müsse, d. h. wir erblicken in allen allgemeinen Gedanken und generalisirenden Reflexionen über das Schöne eine blosse vorbereitende Einleitung für das wirkliche und vollständige Erfassen der gegebenen individuellen Erscheinungen dieses letzteren selbst. Jedes einzelne Schöne bildet in seiner ganzen besonderen Einrichtung immer ein neues und eigenthümliches ästhetisches Problem für sich; für die Bearbeitung desselben aber gehen aus der Natur oder dem Begriffe des Schönen gewisse allgemeine Prinzipien oder Methoden hervor.
Eine schöne Sache oder ein Kunstwerk hat zunächst immer in einem gewissen Sinne die Eigenschaft eines Abbildes oder einer Nachahmung irgend einer an und für sich gegebenen Beschaffenheit oder Seite der natürlichen Wirklichkeit an sich. Die Nachahmung der Natur ist eines der ersten und wichtigsten Motive, aus welchem von Anfang an alles künstlerische Schaffen des Menschen entspringt. Insofern ist es kein durchaus richtiger oder wenigstens kein ausreichender Gedanke, der in die freie und ungebundene Schöpfungskraft der menschlichen Phantasie allein das ganze Prinzip der Entstehung des künstlerisch Schönen verlegen will. Alles durch den Menschen Erschaffene schliesst sich mehr oder weniger irgendwie an das in der natürlichen Wirklichkeit oder Objectivität Gegebene an. Der Begriff des Schaffens im vollen und eigentlichen Sinne des Wortes kann auf die ganze Lebensthätigkeit des Menschen überhaupt keine Anwendung finden. Jedes menschliche Werk hat die Elemente und Vorbilder seines Entstehens in der äusseren Natur. Es sind wesentlich überall nur Bilder und ideale Reproductionen der äusseren Dinge, welche der menschliche Geist aus sich zu erschaffen vermag. Wir legen einem Kunstwerke Wahrheit bei eben inwiefern es die richtige Nachahmung oder der getroffene Ausdruck von etwas anderem an sich schon vorhandenem Wirklichen ist. Allerdings ist es niemals irgend eine einzelne empirische Sache oder Realität als solche, welche den Gegenstand und das Object der künstlerischen Nachahmung bildet. Der Begriff der Nachahmung im Sinne der Kunst ist immerhin ein in gewisser Weise schwierig zu fassender und es bedeutet derselbe überhaupt nichts weniger als eine einfache Identität des geschaffenen oder nachgeahmten Werkes mit den wirklichen oder empirischen Dingen im Leben und der Natur. In diesem Sinne wäre die Kunst überhaupt überflüssig und hätte den Werth einer blossen leeren Wiederholung oder Copie der Natur. Jedes Kunstwerk geht zugleich hinaus über die Natur oder stellt uns etwas Höheres, Reineres und Vollkommeneres dar als was diese selbst ist. Das Kunstwerk muss überall zugleich der Natur unähnlich sein oder sich von ihr unterscheiden, wenn es uns gefallen oder befriedigen soll. Das Motiv des Erschaffens der Kunst liegt zugleich überall mit darin, dass uns die Natur oder Wirklichkeit nicht vollkommen gefällt oder zu befriedigen vermag. Alle Kunst ist insofern zugleich eine Art von Kritik und Verwerfung der empirisch gegebenen Wirklichkeit oder Natur. Sie entspringt insofern zugleich aus einem rein inneren subjectiv idealen Wünschen, Anschauen und Bedürfen heraus und es stellt sich insofern der menschliche Geist in der Kunst im Allgemeinen die Natur vor nicht so wie diese unmittelbar und an sich selbst ist, sondern so wie er sie sich von seinem eingebildeten subjectiven Standpuncte aus wünscht oder träumt. Es ist in aller Kunst einmal etwas Objectives, andererseits etwas Subjectives enthalten oder es kann dieselbe überall zugleich als eine Nachahmung oder ein Bild der äusseren Wirklichkeit und als ein solches des eigenen inneren menschlichen Seelenlebens angesehen werden. Der Mensch idealisirt sich in der Kunst zunächst die Natur, indem er sie auf einen eingebildeten oder idealen Gipfel der Vollkommenheit ihrer Erscheinungen erhebt. Er fügt insofern immer etwas zu ihr hinzu oder macht etwas Anderes aus ihr als was sie unmittelbar und an sich selbst genommen ist. Alle diese Ideale der Kunst aber sind zugleich überall noch etwas Anderes und Mehreres als eine blosse subjective und willkührliche Zuthat zur Natur oder eine Veränderung derselben vom Standpunct und im Sinne der blossen Subjectivität des menschlichen Geistes. Der Mensch erkennt vielmehr in den Idealen der Kunst wesentlich überall nur die eigenen allgemeinen Vollkommenheitsanlagen und immanenten Ziele des Lebens der Natur selbst oder es darf von der Kunst gesagt werden, dass sie ihrem eigentlichen Wesen nach die Darstellung derjenigen reinen Grundgedanken und einfachen Formcharaktere sei, welche an und für sich die Basis der ganzen wirklichen Natur und lebendigen Schöpfung der Dinge bilden. Der Mensch geht insofern in der Erschaffung der Kunst nicht sowohl über die Natur hinaus als vielmehr blos tiefer in sie hinein und es wohnt den von der Kunst dargestellten Idealen eine Wahrheit eben insofern bei als sie die gereinigten Erscheinungen der eigenen inneren Wesensmomente und entscheidenden Grundgedanken der Natur selbst sind. Der Begriff der Nachahmung in der Kunst bezieht sich insofern nicht sowohl auf die unmittelbar gegebene gemeine oder empirische Wirklichkeit in der Natur als vielmehr auf dasjenige ideale und rein geistige Wesen, welches den wahrhaften Hintergrund und die eigentliche Substanz der vor uns erscheinenden wirklichen oder einzelnen Dinge bildet. Auch alle Kunst ist insofern wesentlich ein Erkennen und sie befindet sich überall in einem nothwendigen und organischen Anschluss an das Ganze der ihr gegenüberstehenden wirklichen Welt. Die Ideale der Kunst sind an sich gegeben oder präformirt im Wesen der wirklichen Welt und sie werden von uns oder vom menschlichen Geist nur durch Ausscheidung des Indifferenten und Zufälligen der einzelnen Erscheinungen von ihrem reinen inneren geistigen Wesensgehalt oder der in ihnen liegenden besonderen und specifischen Vollkommenheitsanlage festgestellt und erkannt.
Für die Auffassung alles Menschlichen ist überhaupt in erster Linie der Gesichtspunct des Anschlusses desselben an das vor ihm in der äusseren Objectivität oder Wirklichkeit Gegebene entscheidend. Es ist zunächst eine blosse Phrase, dass der Mensch allein der selbstständige Urheber und Schöpfer aller von ihm ausgehenden oder zu seinem Leben gehörenden Dinge, Werke oder Erfindungen sei. Die ganzen Bedingungen, Elemente und Anregungen dieses seines Schaffens sind vielmehr schon vor ihm und an sich in der Natur oder Aussenwelt gegeben gewesen und es ist überall nur durch eine Benutzung oder Anwendung derselben, dass er zur Ausbildung desjenigen, was ihm selbst angehört, hingeführt und veranlasst wird. Alles Eigene des Menschen geht überall nur aus einer Beziehung oder einem eindringenden Erkennen in den ihm gegenüberstehenden Stoff der natürlichen Dinge oder Erscheinungen hervor. Es ist nicht ein selbstständig erschaffener, sondern nur ein der Natur abgerungener und erworbener Besitz, auf den sich das ganze menschliche Leben mit seinem Inhalt und seinen Einrichtungen gründet. Das Leben des Menschen oder die Geschichte ist ein fortwährender Kampf seines Geistes mit der Natur, in welchem er dieselbe allmählich in einer immer vollkommeneren Weise nach allen ihren Seiten und Beschaffenheiten in sich aufnimmt und überwindet. Alles Menschliche weist daher zuletzt ebensosehr auf die Sphäre der Natur oder der äusseren Objectivität als auf diejenige der Subjectivität oder seines eigenen Geistes hin. Die Natur tritt in der Sphäre des Menschen gleichsam blos aus einander oder hervor in allen denjenigen Vollkommenheiten ihres Wesens, welche sie in unmittelbarer oder latenter Weise bereits in sich selbst einschliesst oder besitzt. Die Lehrsätze der Wissenschaft sind geistige Wahrheiten, welche an sich im Wesen der äusseren Dinge liegen und welche hier vom menschlichen Geiste nur aufgefunden, gleichsam frei gemacht oder erkannt werden. Etwas Aehnliches aber gilt zuletzt auch von den Werken der Kunst und von allen anderen Sphären und Erscheinungen des menschlichen Lebens. Die Wahrheit alles Menschlichen besteht überhaupt in dem möglichst vollkommenen, tiefen und innigen Anschluss an die inneren Gesetze oder das geistige Wesen der Natur. Es ist insofern überall etwas mehr als ein blosser zufälliger und willkührlicher subjectiver Einfall, der uns in irgend einem bedeutenden Werke oder einer Erfindung des menschlichen Geistes entgegentritt.